Ein bisschen Bundeswehr für alle

Facebook, Twitter, Instagram und Co. – die Bundeswehr ist online. Fast täglich werden einige der bekanntesten Social Media Kanäle mit Bildern, Videos und Tweets der Bundeswehr gefüllt. Dabei schlug die umstrittene Youtube-Kampagne „Die Rekruten“ im Netz ein wie eine Bombe.

Parow, ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern, nahe der Hansestadt Stralsund. Hier befindet sich die größte Ausbildungseinrichtung der deutschen Marine. Am 1. November 2016 verfolgten gespannte Zuschauer ab 17:00 Uhr, wie zwölf junge Menschen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands an der Marinetechnikschule eintrafen. Zehn Männer und zwei Frauen – „Die Rekruten“.

Hiermit startete die Bundeswehr ihre gleichnamige Online-Werbekampagne auf dem Videoportal Youtube. Die Reality-Doku umfasste 62 Videos von jeweils rund fünf bis zehn Minuten Länge. Mit kleinen Camcordern ausgestattet, filmten und kommentierten die Rekruten eigenständig ihren neuen Arbeitsplatz. Zusätzlich begleitete ein Kamerateam die jungen Soldatinnen und Soldaten während der Zeit ihrer Grundausbildung. Fregattenkapitän Hauke Bunks, unter anderem zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr, beantwortete die Frage, wie realistisch die Videos seien mit einem Wort: „absolut“.

„Das ist nicht gescripted, es gibt keine Drehbücher. Die Grundausbildung lief so wie jede andere auch, da ist nichts doppelt gedreht.“

Die Auswahl der Rekruten erfolgte mehr oder weniger nach dem Zufallsprinzip. Das Projekt wurde einigen Bewerbern vorgestellt. Wer daran interessiert war, konnte sich freiwillig melden. Mittlerweile arbeiten elf „Rekruten“ an Bord von Militärschiffen oder in weiteren Ausbildungen. Der Rekrut Nathan Palme brach die Grundausbildung nach rund zwei Wochen aus familiären Gründen ab.

Die Kampagne ist eine Gemeinschaftsproduktion von Werbeagenturen und Köpfen aus der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr. Die Arbeits- und Produktionsbereiche der Agenturen wurden unterteilt in klassische Außenwerbung, Onlinewerbung mit Schwerpunkt auf der Social Media sowie die filmische Arbeit inklusive Auswahl und Schnitt des Rohmaterials.

Laut Plan sollte das gesamte Projekt rund acht Millionen Euro kosten. 1,7 Millionen waren für die Produktion vorgesehen, 6,2 Millionen als Werbeetat. Aufgrund des viralen Erfolgs konnten die Werbekosten jedoch um eine Million reduziert werden, so das Presse- und Informationszentrum Personal (kurz: PIZ). Hauke Bunks bewertet das Projekt als einen großen Erfolg. Die Klickzahlen der Karriereseiten seien deutlich gestiegen, zudem sehe man einen klaren Zuwachs bei den Bewerberzahlen. Insgesamt wurde der Youtube-Kanal mehr als 40 Millionen Mal aufgerufen.

Kritische Stimmen

Die Meinungen sind gespalten. Zum einen freuen sich Zuschauer darüber, einen Einblick in den sonst eher unzugänglichen Arbeitsbereich der Bundeswehr zu erhaschen. Zum anderen wird die Serie stark kritisiert, weil sie unrealistisch, niveaulos und zu teuer sei. Unter jedem Video sind hitzige Diskussionen zu den Themen Grundausbildung, Politik, Moral und Krieg zu lesen. Kommentare, die stark beleidigend, sexistisch, rassistisch oder in weiterem Sinne strafrelevant sind, werden vom Admin gelöscht.

Michael Schulze von Glaßer, Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft, sieht in der Serie respektive der gesamten Werbung der Bundeswehr eine Gefahr für die öffentliche Debatte. Seiner Meinung nach sollte die Bevölkerung die Möglichkeit haben, sich eine freie Meinung zu bilden.

„Statt dass unabhängige Journalisten aus dem Ausland berichten, kommt auf einmal die Bundeswehr und sagt: ‚Hey wir haben jetzt einen Youtube-Kanal, da könnt ihr euch darüber informieren, was wir in Mali machen.'“

Er spricht von Propaganda bis hin zu „blanken Lügen“, welche verkauft würden, um die Bevölkerung von den Einsätzen der Bundeswehr zu überzeugen. Die Youtube-Kampagne, in seinen Worten auch „Werbe-Doku-Soap“, sei nur sehr oberflächlich dargestellt. Auch die von der Bundeswehr angestrebte Zielgruppe ist seiner Meinung nach nicht zwischen 17 und 25 Jahre alt, sondern wesentlich jünger. Derzeit sind deutschlandweit rund 1.500 Soldaten minderjährig. Für Schulze von Glaßer ein Anlass, die Bildungsziele Deutschlands zu hinterfragen. Zu was will man junge Menschen erziehen?

Die Ziele der Bundeswehr

Die Bundeswehr verfolgt mit ihren Medienauftritten nach eigenen Angaben zwei Ziele: Informationsarbeit und Personalwerbung. Die Informationsarbeit ist laut eines Verfassungsgerichtsurteils aus dem Jahr 1977 verpflichtend. Die Personalwerbung wird durch verschiedene Kampagnen betrieben und dient unterschiedlichen Zwecken. So soll zum Beispiel „Die Rekruten“ für Offiziernachwuchs zwischen 17 und 25 Jahren sorgen. Sowohl die informative Berichterstattung für die deutsche Öffentlichkeit, als auch zielgruppenspezifische Werbung findet auf allerlei Kanälen der Plattformen Facebook, Youtube, Twitter, Instagram, Snapchat und Flickr statt. Zudem ist sie vertreten auf den Netzwerk-Seiten Kununu, LinkedIn und Xing. Wo auch immer man in den sozialen Medien nach ihr sucht – ein bisschen Bundeswehr ist für alle da.

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