Wenn der Südwestrundfunk Europameister werden will…

Von großer Fußballerleidenschaft vor laufenden Kameras – wie ein Drehtag im Leben des SWR Reporters Axel Gagstätter aussehen kann. In Lahr bei Offenburg stellt sich dem EM-Orakel des Südwestrundfunks neben einem anstrengenden Dreh und einem schwierigen Schnitt noch ein weiteres Problem: Italien.

Stuttgart/Lahr. Ruckartig trifft mich kleiner Tischkickerball ein Stoß von hinten und ich schnelle nach vorne. Mein kurzer Flug wird urplötzlich von den Beinen eines kleinen, etwa zehn Zentimeter großen Fußballers gestoppt, dessen wuchtiger Tritt mich abermals in die andere Richtung schickt. Die Welt um mich herum steht schlagartig auf dem Kopf, ein grünes Spielfeld und ungefähr 20 riesige Menschen in blauen und weißen Trikots rauschen an mir vorbei – dann nur noch schwarze Leere, als ich ins Tor der deutschen Mannschaft einschlage.

Gagstätters wütender Aufschrei geht in tosendem Jubel der italienischen Fans unter. Sein verbissener Gesichtsausdruck und die gefletschten Zähne sprechen Bände, so hatte er sich dieses Spiel nicht vorgestellt. Sein Gegner, ein untersetzter, dicklicher Mann, dreht sich freudestrahlend zu den Menschen in den blauen Trikots um und lässt sich von seiner Familie feiern. Wütend holt mich SWR-Reporter Gagstätter aus der kleinen Schublade am unteren Rand des Tischkickers hervor und wirft mich mit einem Kampfschrei erneut in die grüne Hölle: „Hasta la vittoria, sempre!!“

Drei Stunden zuvor hatte die Welt noch ganz anders ausgesehen. Angespannt legt Axel Gagstätter, „fester freier Mitarbeiter“ des Südwestrundfunks, sein Handy zur Seite und nippt an seinem Kaffee. Ein Teil seines Teams war noch nicht an der Autobahnraststätte nahe Baden-Baden eingetroffen. Sein heutiger Arbeitstag sah den Dreh einer neuen Folge seines aktuellen Projektes „Axels EM-Kicker“ vor, bei dem er als Orakel der SWR Landesschau die Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft per Tischkicker gegen Landsleute des gegnerischen Teams voraussagen sollte. Schon seit vielen Jahren arbeitet er in vielen unterschiedlichen Reportage-Reihen für den Südwestrundfunk in Stuttgart. Mit dabei – wie immer – Kameramann Peter, sein Assistent Fabien und Tontechniker Heiner. Vom Rest fehlt allerdings momentan noch jede Spur.

Familie Bologna aus dem südbadischen Seelbach bei Lahr, der heutige Tischkickergegner, strömt bereits aus dem Haus, als Gagstätter und sein Team eintreffen. Der kleine, aber feine Fiat 500, von Vater Adriano Bologna liebevoll „Cinquecento“ genannt, wird von seinen insgesamt zwölf Kindern und elf Enkelkindern eingerahmt, als der Reporter mit erhobenen Händen und strahlendem Gesicht auf die Familie zutritt. „La familia“, raunt Gagstätter. Die Kamera läuft selbstverständlich schon, denn bei ihm wird nichts gefaked und nichts gestellt. Laut ihm liegt die Qualität der aufgenommenen Szenen oft in der Spontanität.

Beim Dreh wird eine Menge Ausrüstung benötigt - Foto: Lukas Sorge
Beim Dreh wird eine Menge Ausrüstung benötigt – Foto: Lukas Sorge

Im Hintergrund wird die Technik aus den Autos geladen und sorgsam aufgebaut, ich selbst und mein Freund, der Tischkicker, bleiben noch im Laderaum des weißen Mercedes Sprinters. Erschwert wird das Einrichten des ersten Drehortes durch das heillose Durcheinander aus Menschen und kleinen Kindern. Trotzdem: Konzentriert halten sich Kameramann Peter und Tontechniker Heiner an den vorher grob abgesprochenen Drehplan, als Gagstätter die Familie in lockerer Manier mit den vorbereiteten Fragen löchert und Vater Adriano Bologna interviewt, stets auf prägnante Zitate aus und mit dem ein oder anderen lustigen Spruch auf den Lippen.

Axel Gagstätter arbeitet seit einiger Zeit beim Südwestrundfunk. Nachdem er zunächst Jura studierte, merkte er aber bald, dass „seine eigentliche Passion im Journalismus lag“. Nach einem Praktikum bei einer Zeitung verbaute ihm jedoch sein zu diesem Zeitpunkt im Vergleich zu anderen Bewerbern schon höheres Alter den Weg zu einem Praktikum beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Beim DDR Staatsfernsehen gelandet, arbeitete er dort in der Sportredaktion, um anschließend als „freier Freier“ beim Westdeutschen Rundfunk in Köln zu arbeiten. Von dort führte der Weg letzten Endes zum SWR, der damals vor der Fusion mit dem SWF noch Süddeutscher Rundfunk (SDR) hieß. Auf die Frage hin, was ihm am Fernsehen so viel Spaß mache, erinnert er sich an die vergangenen Jahre:

„Ich fand es schon immer faszinierend, mit Mimik und Gestik zu arbeiten. Ein Gesamtpaket aus Bild, Ton und Inhalt zu transportieren, finde ich beim Fernsehen einfach sehr, sehr gut.“

Das lang ersehnte Duell steht nun endlich an. Zwar ist es erst Mittwoch und nicht Samstag, trotzdem treffen die beiden Fußballgiganten Deutschland und Italien in einem hochspannenden Match aufeinander. Der gewählte Drehort, das Stadion des Verbandsligisten SC Lahr, weißt zwar eine fast leere Tribüne auf, trotzdem ist die Stimmung atemberaubend. Die italienische Familie jubelt und singt, was das Zeug hält. „Denen musst du nicht mal sagen, dass sie ein bisschen Krach machen sollen“, flüstert Kameramann Peter: „Nicht so wie bei den Nordirden.“ Die seien vor einer Woche fast eingeschlafen. Der Tischkicker steht bereit und wurde mit der Wasserwaage genau tariert. Die vorbereiteten GoPro Actionkameras sind über dem Spielfeld angebracht und es wurden die Nationalhymnen gesungen. Ein einzelner Sportler joggt auf einer Laufbahn außen um den Platz herum, offensichtlich etwas  irritiert von der plötzlichen Action im Mittelkreis. Ich befinde mich in der zittrigen Hand von Adriano Bologna. Er wirft mich unter tosendem Applaus zwischen die kleinen Trikotträger. Los geht es!

Während sich Kamera und Ton um das Spielfeld bewegen, mal aus der Froschperspektive, mal im Zoom auf die Gesichter der Spieler filmend, entwickelt sich zwischen den beiden Kontrahenten ein heiß umkämpftes Spiel. Die Tore fallen auf beiden Seiten, aber schnell wird klar, dass die Italiener die Oberhand über das EM-Viertelfinale gewinnen. Doch Deutschland kommt zurück – und wie! Mit einem traumhaften Weitschuss donnert mich Axel Gagstätter in die linke obere Ecke des italienischen Tores. In einem Aufschrei umarmt er Mitspieler Janosch. „Da geht noch was!“, jubelt er und grinst in sich hinein. Das gibt zweifelsohne schönes Bildmaterial. Es riecht nach frisch gemähtem Gras und die Sonne scheint warm auf die beiden Teams und die Fans hinunter.

Doch die Tröten und Anfeuerungsrufe der italienischen Familie im Hintergrund werden immer lauter und lauter. Adriano Bologna scheint über sich hinauszuwachsen, ein zwischenzeitliches 2:3 für Italien wird auf eine komfortable 2:6 Führung ausgebaut. Schon wieder liege ich im deutschen Tor… dieses Spiel wird langsam etwas einseitig. „Das kann nicht wahr sein!“, schimpft Gagstätter. Doch ihm bleiben die Worte fast im Hals stecken, als Adriano Bologna mich mit einer einzigen Drehung des Handgelenks abermals im Netz unterbringt und somit das entscheidende Tor markiert. Der Reporter schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und dreht sich zu seinem Kamerateam um, während die Italiener im Hintergrund wie wild jubeln. Zwar hat er jetzt tolle Spielszenen im Kasten, doch diese Niederlage tut seinem Sportlerherz tatsächlich ziemlich weh.

Kameramann Peter bei der Arbeit - Foto: Lukas Sorge
Kameramann Peter bei der Arbeit – Foto: Lukas Sorge

Anschließend wird munter am Tischkicker weitergedreht. Hier geht es nun nicht mehr um das Ergebnis, stattdessen verwickelt Gagstätter seine Gäste in ein Gespräch. Diese Szenen sollen sich nachher zwischen die des eigentlichen Spiels mischen und den Beitrag abwechslungsreicher gestalten. Natürlich sind auch die jubelnden und trötenden Fans weiter mit dabei. Schlussendlich steht noch der Abbau auf dem Plan, bei dem auch die Gewinner des Spiels mit anpacken. Auf die Frage, warum Italien heute das Tischkickerduell für sich entschieden hat, antwortet Vater Adriano lachend: „Weil wir besser Tischfußball spielen können. Mein Vater hatte früher in Italien ein Lokal, auch dort stand schon ein Tischkicker.“ Übung macht also den (Europa-)meister. Aber auch das italienische Selbstbewusstsein sei nicht zu unterschätzen. „Wir sind von Natur aus ein stolzes Volk, auch das gibt während des Spiels Sicherheit.“

Der Südwestrundfunk berichtet im Rahmen seines Sendeauftrages als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt im Fernsehen, dem Hörfunk und auch Online. In seinem Sendegebiet in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erreicht er jeden Tag bis zu 15 Millionen Menschen. In drei Funkhäusern, zehn Studios und bis zu 23 Regionalbüros beschäftigt der SWR zurzeit über 3600 Mitarbeiter und stellt mit 18,2% den zweitgrößten Anteil zum Gemeinschaftsprogramm der ARD. Am meisten schätzen viele Mitarbeiter, wie auch Gagstätter, den freundlichen und persönlichen Umgang untereinander. Karrierechancen, etwa Möglichkeiten für Praktika oder spätere Anstellungen, gibt es laut Gagstätter genug, wenngleich der Werdegang heute sicher anders aussieht als zu seiner Generation.

Am nächsten Tag sitzen Axel Gagstätter und Kameramann Peter in einem der vielen Schnitträume im riesigen Funkhaus des SWR in Stuttgart. Hier ist der Arbeitsplatz der Cutterin Michaela Calmbacher, die zusammen mit dem Fernsehjournalisten nun erst einmal die vielen Stunden Videomaterial sichten muss. Auf sechs großen Bildschirmen laufen unterschiedliche Bilder und Szenen ab. Die vielen Schieberegler auf dem langen Tisch laden zum Herumspielen ein. Doch das Team steht unter Zeitdruck. Im Laufe des Vormittages wird daher festgelegt, wie der fertige Beitrag grob aussehen wird. Cutterin Michaela Calmbacher muss dabei auf die vom Sender vorgegebene Länge aufpassen. Heute sind es 4 Minuten und 30 Sekunden, laut ihr ist das aber zu wenig. Nach dem Aussortieren der relevanten Szenen stellt sich ihr noch ein weiteres Problem: „Die Kamera seh‘ ich auf dem Bildschirm, aber im VPMS hab‘ ich sie nicht drin!!“ Auf Nachfrage erklärt sie knapp: „Das VPMS ist ein internes Netzwerk, quasi eine Plattform zum Austausch für alles.“ Dort werden die Szenen aus den Speicherkarten und Bändern der Kameras eingespielt, damit sie überall im Haus bequem abrufbar sind. „Argh! Das war ein Fehler!“, flucht Gagstättter plötzlich, als er sieht, dass er seinem späteren Mitspieler zu Beginn das falsche Fähnchen in die Hand gedrückt hat. Ich, der kleine Tischkickerball, werde derweil zwischen seinen Fingern hin und her gerollt.

Normalerweise spielt der Zeitdruck für Gagstätter keine große Rolle. Wenn man in der Branche der aktuellen Nachrichten arbeitet, sei man natürlich stärker davon betroffen, auf ihn trifft dies aufgrund des Unterhaltungsfaktors und der geringeren Zeitgebundenheit nur bedingt zu. Trotzdem muss der Beitrag zu einem bestimmten Zeitpunkt fertiggestellt und abgenommen werden, damit er zur geplanten Sendezeit in der Landesschau eingespielt werden kann. So läuft das jeden Tag auch in Bezug auf viele andere Fernsehbeiträge beim SWR ab. Schließlich ist das EM-Orakel nur eines von mehreren Themen der Sendung.

An seinem Job schätzt Axel Gagstätter vor allem, dass er mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen und Kulturen zu tun hat. Bei jedem Dreh kann er neue Kontakte knüpfen, sei es bei seiner Donaufahrt vom Ursprung bis ins Schwarze Meer, seiner Zeit im Sportjournalismus des DDR-Staatsfernsehens oder beim Treffen der vielen gegnerischen Landsleute der deutschen Fußballnationalmannschaft. Die Arbeit beim Fernsehen bedeutet also viel Abwechslung und bereitet immer wieder große Freude. Auf seinem Facebookprofil teilt Gagstätter regelmäßig seine neuesten Filme und empfiehlt des Öfteren mit den Worten „Musch gugga!“ zur gegebenen Sendezeit wieder einzuschalten.

„Ich lege viel Wert auf Atmo. Mit dem richtigen Ton und der richtigen Musik kannst du so viel Stimmung rüberbringen!“

Auch am darauffolgenden Freitag wird beim SWR weiter fleißig „geschnitten und gebastelt“, wie Kameramann Peter es nennt. Er ist heute jedoch nicht mehr dabei, stattdessen ist Gagstätter bester Laune: „Ja, das ist doch super!“, triumphiert er mit glücklichem Lächeln, als er den Einstieg begutachtet. Das Abmischen des Beitrages findet erst jetzt später statt. Auch das Voice Over, das stellenweise eingeblendet werden soll, muss noch aufgenommen werden. Den Text hierzu formuliert der Reporter schon mal aus. In den nächsten Stunden fliegen Begriffe wie Schnittbilder, Blende, Totale und O-Töne durch den Edit-Raum, denn es dreht sich alles um die genaue Platzierung der einzelnen Sequenzen. Wichtig ist Gagstätter dabei, dass beim Zuschauer die Emotionen rüberkommen. Auf die Ausstrahlung und die Rückmeldungen dazu heute Abend ab 19 Uhr in der Landesschau freut er sich jetzt schon. Ich, der kleine Tischkickerball, liege einstweilen für meinen nächsten Einsatz bereit. Hoffen wir mal, dass EM-Orakel Gagstätter dieses Mal doch nicht richtig liegt.

Viertelfinal(e)-Folge von Gagstätters EM-Orakel auf der Website des SWR

Ein Beitrag von Lukas Sorge (MuK0915)

Lukas Sorge

- Student Medien- und Kommunikationsmangement
- Journalist & Online-Fanatiker

Alle Beiträge ansehen
Sicherheitshinweis: Bei den Calwer Notizen handelt es sich um ein studentisches Weblog. Falls Ihnen Fehler oder Verstöße auffallen, setzen Sie sich zwecks Behebung bitte mit uns in Verbindung.
Über Lukas Sorge 1 Artikel
- Student Medien- und Kommunikationsmangement - Journalist & Online-Fanatiker

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*