Flucht mit dem Smartphone übers Mittelmeer

Jeden Tag flüchten Hunderte über das Mittelmeer nach Europa. Viel können sie dabei nicht mitnehmen. Der wichtigste Gegenstand ist häufig das Smartphone. Damit halten sie schließlich auch von Deutschland aus Kontakt in ihre Heimat. Ein Besuch in einem Asylcafe in Simmozheim.

Simmozheim, im Juni 2016. Es ist Mittwochabend, 18 Uhr, und wieder Zeit für das Asylcafe in der Grundschule. Junge Männer im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren tummeln sich auf dem Pausenhofgelände der Schule. Ein paar von ihnen spielen Federball auf dem Basketballfeld oder Tischkicker, andere wiederum sitzen auf roten Metallbänken, essen Kekse, trinken Bier oder unterhalten sich mit den Betreuern. Es scheint, als hätten nicht alle Anwesenden Lust, sich an den Spielen oder Gesprächen zu beteiligen. Viel lieber tippen sie eifrig in ihre Smartphones und haben gar keinen Blick für das Geschehen um sie herum. Insgesamt wirken die Männer zufrieden, fast schon unbeschwert. Dabei hat jeder von ihnen eine lebensgefährliche Reise hinter sich.

Seit das Asylcafe von den Leitern des Freundeskreises Asyl vor eineinhalb Jahren ins Leben gerufen wurde, treffen sie sich hier jeden Mittwochabend – 40 Männer, geflohen vor Krieg und Hungersnot aus Syrien, Eritrea, Togo und Algerien. Sie kommen zusammen, um mit den ehrenamtlichen Helfern des Asylkreises gemeinsame Aktivitäten wie eben Tischkicker, Federball oder Basketball auszuüben, aber auch um sich bei ihnen Hilfe für die Eingewöhnung in ihr neues Lebensumfeld zu holen. „Bei einer Sache benötigen die Neuankömmlinge jedoch nie Hilfe“, erklärt die Leiterin des Freundeskreises schmunzelnd, „und zwar bei der Konfigurierung ihrer Handys ins deutsche Netz.“

Für die Flüchtlinge ist ihr Handy das wichtigste Medium. Es ist zum einen die einzige Möglichkeit, mit ihren Angehörigen in der fernen Heimat Kontakt aufzunehmen und über das schreckliche Geschehen dort regelmäßig informiert zu werden, zum anderen aber auch oftmals der einzige Gegenstand, der ihnen dank darauf gespeicherter Fotos und Videos ein Andenken an ihre Liebsten lässt. Roger, ein 27- jähriger Flüchtling aus Togo stuft die Notwenigkeit seines iPhone 5 als unverzichtbar ein und fügt in nahe zu perfektem Deutsch hinzu: „Mein Smartphone ist der einzige Gegenstand, der mir nach meiner Flucht übers Mittelmeer noch geblieben ist .“

Er erzählt weiter: „Als ich dann hier angekommen bin, habe ich mir sofort eine Lycra Prepaid Karte gekauft – so eine Karte haben wir hier alle. Man kann damit für nur einen Cent pro Minute ins Ausland telefonieren.“ Muhammed, ein 20-jähriger Flüchtling aus Syrien erzählt stolz, dass er zusätzlich zu seiner Lycra Prepaid Karte mittlerweile auch einen Vodafone-Vertrag besitzt. „Damit kann ich im Internet surfen und habe endlich wieder Whatsapp.“

Von wegen Handys von Flüchtlingen sind Old School– im Verlauf des Abends lassen sich mindestens 20 iP Flüchtlinge beim Federballspielen (Bildnutzung in den Calwer Notizen mit Einverständnis des Urhebers)hones und 10 Samung Galaxy zählen, davon sind die meisten nur die unmittelbaren Vorgänger der jeweils aktuellsten Modelle. Die dicken „Nokia-Brocken“ scheinen auch im fernen Syrien, Algerien, Togo oder Eritrea der Vergangenheit anzugehören.

Doch nicht alle Neuankömmlinge besitzen schon so lange ein Handy. Der 22-jährige Chnar aus Eritrea erzählt, dass er in seiner Heimat kein derartiges Medium besessen, sich nach seiner Ankunft in Deutschland aber mit dem ersten Geld eines gekauft habe. „Mittlerweile ist es mein wichtigster und wertvollster Gegenstand geworden,“ sagt er etwas verschämt.

Neben der Telefonfunktion nutzt er die Social Media Apps Facebook und Instagram am häufigsten. „Die brauch ich doch, um zu wissen, was in meiner Hood so abgeht“. Bei dieser Aussage muss er selbst lachen.

Mittlerweile ist es 21 Uhr abends. Das Asylcafe neigt sich dem Ende zu. Doch wie immer, kurz vor Schluss, treffen sich die Betreuer und die Flüchtlinge in einem geräumigen Klassenzimmer der Grundschule mit kindgerechtem Mobiliar, um den weiteren Verlauf der Woche und die Planung für das kommenden Asylcafe zu besprechen. Es sieht schon ein bisschen lustig aus, wie die erwachsenen Männer auf den kleinen, bunten Stühlen sitzen und viele von ihnen immer noch in ihr Smartphone vertieft sind. Als die Leiterin das bemerkt, stößt sie einen tiefen Seufzer aus, sagt fast ein Wenig genervt: „Diese Herren hier sind ja fast schlimmer als meine pubertierenden Kinder.“

Nun ja, es hat den Anschein dass, unabhängig aus welchem Kulturkreis die Menschen kommen und wie unterschiedlich ihre Vergangenheit und Lebensgewohnheiten auch sein mögen, eine Sache bei allen jungen Menschen gleich ist: die exorbitante Bedeutung des Smartphones. Immerhin schon mal ein verbindendes Element, auf das man aufbauen kann.

Sicherheitshinweis: Bei den Calwer Notizen handelt es sich um ein studentisches Weblog. Falls Ihnen Fehler oder Verstöße auffallen, setzen Sie sich zwecks Behebung bitte mit uns in Verbindung.

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