Die Medien sind tot, es leben die Medien! – Mediensysteme in Frankreich

Frankreichs Mediensystem unterscheidet sich teilweise stark von dem deutschen und den uns international eher bekannten amerikanischen und britischen Mediensystemen und deren Medien, Marken und Produktionen.

Prinzipiell spielen die Presse, der Rundfunk, das Fernsehen und nicht zuletzt das Internet die größte Rolle im französischen Mediensystem.

Das Mediensystem in Frankreich ist nach dem „Comparing Media System“ von Daniel C. Hallin und Paolo Mancini zwischen  demokratisch-korporatistische und polarisiert-pluralistische zu verorten.  Speziell bedeutet dies, dass sich Zeitungen in diesem Mediensystem eher an Eliten richten, die Mehrzahl der Medien eher kommerziell ausgerichtet sind und das französische Mediensystem somit mit den spanischen, italienischen und griechischen Mediensystemen vergleichbar ist – nicht jedoch mit dem britischen, deutschen, US-amerikanischen und skandinavischen Mediensystem.

Die Presse – La presse

Im Bereich der Presse spielen Tageszeitungen eine eher untergeordnete Rolle. Generell lässt sich die französische Presse in drei größere Teilgebiete einteilen:  Tages-, Wochen- und Gratiszeitungen. Boulevardzeitungen spielen anders als in Deutschland und vor allem Großbritannien keine Rolle. Überregionale Tageszeitungen machen zusätzlich nur einen geringen Teil der Gesamtreichweite aus: So haben die sieben größten überregionalen Tageszeitungen zusammengerechnet eine Gesamtauflage von 1,8 Millionen, im Vergleich zu den 53 regionalen Zeitungen, die eine Gesamtauflage von 5,3 Mio. verzeichnen können. Die beiden Gratiszeitungen Metro und 20minutes machen bereits – zusammengefasst – die Gesamtreichweite der überregionalen Tageszeitungen aus (circa 1,8 Millionen Auflage). Generell verlagern sich immer mehr Zeitungen und Wochenzeitungen ins Internet. Die ehemals größte Tageszeitung France-Soir ist bereits ausschließlich online verfügbar. Gründe dafür sind unter anderem die kostengünstige Produktion und große Reichweite.

Grund dafür ist der historische Kontext: Das Misstrauen der Landbevölkerung gegen Politiker und Medien aus der Hauptstadt. Den Journalisten der überregionalen Medien werden Korruption und eine fehlende Unabhängigkeit vorgeworfen. Ebenfalls sollen ausländische Medien und Regierungen zu viel Einfluss auf die überregionalen Zeitungen haben. Dies resultiert in einem Konsumverzicht und Boykott der Zeitungen aus Paris in ganz Frankreich.

Die französische Gratiszeitung 20minutes (Foto: Nicolas Nova (https://flic.kr/p/4ncXSX), „internet everywhere“ CC BY 2.0)

Das Fernsehen – La télévision

Im Vergleich zum deutschen Fernsehen wird in Frankreich vor allem über den Antennenstandard DVB-T, beziehungsweise dem sogenannten „Télévision numérique terrestre“, empfangen und gesendet, Kabel- und Satellitenempfang spielen eine eher untergeordnetere Rolle. So empfangen etwa 97 % der französischen Bevölkerung das Fernsehprogramm über eine Zimmerantenne. Insgesamt sind 32 Fernsehsender im ganzen Land empfangbar (17 Privatsender, acht Pay-TV-Sender und sieben öffentlich-rechtliche Sender). Auffällig ist – wie bereits bei der Presse – die große Anzahl regionaler Sender. Es existieren insgesamt 38 dieser kleinen Kanäle, beispielsweise „Alsace 20“ aus Straßburg.

Neben TF1 (Marktanteil 22,7 %) sind vor alle Kanäle France 2 (14,9 %) und M6 (11,2 %) zu nennen. Anders als in Deutschland besitzt somit ein Privatsender den größten Marktanteil auf dem französischen Fernsehmarkt. Der öffentlich-rechtliche Kanal France 2 hat einen vergleichbaren Marktanteil wie das ZDF, das mit einem Marktanteil von 13 % der meistgesehene deutsche Kanal ist.

Der Pay-TV-Kanal Canal+ ist mit über 15 Millionen Abonnenten nach Sky plc (21 Mio. Abonnenten, ehemals BSkyB) der zweitgrößte Pay-TV-Kanal in Europa.

Generell wurde der meiste Umsatz  in der Medienbranche über das Fernsehen generiert, gefolgt von Zeitungen und Zeitschriften.

Das Programm des französischen Fernsehens ist mit dem deutschen und amerikanischen Fernsehen vergleichbar. Zu den meistgesehenen Sendungen zählen die 20-Uhr-Nachrichten auf TF1 und France 2, die live gesendet werden. In Bezug auf die Internationalität der Medien spielen Berichte über die EU oder das Ausland keine große Rolle, das gesamte Programm konzentriert sich vor allem auf innenpolitische Fragen und französische Kultur. Diese Einstellung ist auch im Hörfunk festzustellen. Die größte Glaubwürdigkeit vereint jedoch das Radio auf sich.

Das Radio/der Hörfunk – Le radio

Das Radio spielt eine große Rolle in der französischen Medienlandschaft. Wie beim Fernsehen gibt es sowohl private als auch öffentlich-rechtliche Radiosender und –kanäle. Die öffentlich-rechtliche Radio France Gruppe betreibt sowohl Nachrichtenkanäle (France Info) als auch Kultur (France Culture) und France Inter, der sich unter anderem auf Diskussionen und Reportagen konzentriert und gleichzeitig die drittmeisten Hörer aller französischen Radiokanäle für sich verbuchen kann. Spitzenreiter sind die privaten Radiokanäle NRJ und RTL, die jeweils vor allem Chart Musik übertragen und sich an einen Massenmarkt richten.

Anzumerken ist im Bereich Radio/Hörfunk vor allem auch die sogenannte Radioquote, nach der ein bestimmter Prozentsatz (40 % zwischen 6:30 Uhr und 22:30 Uhr) französische Musik gespielt werden muss. Wiederum 40 % der französischsprachigen Musik muss aus sogenannten „Neuheiten“ bestehen (nicht mehr als zwei über 100.000 Verkaufte Tonträger). Dadurch soll vor allem die französische Musik und französische Künstler unterstützt, geschützt und gefördert werden. Verstöße können teilweise mit dem Entzug der Sendelizenz bestraft werden.

Das Internet – L‘internet

Im Bereich des Internets spielt Frankreich eine besondere Rolle. Zwischen 1970 und 2000 kam das sogenannte Minitel zum Einsatz, das neben Informationen wie den Wetterbericht auch Banküberweisungen, Chats und sonstige Dienstleistungen zuließ. Das Minitel war ausschließlich in Frankreich verfügbar und wurde bis ins Jahr 2010 noch von 2 Millionen Franzosen regelmäßig benutzt, bis es schließlich 2012 komplett durch das Internet ersetzt wurde und abgeschalten wurde. Ursprünglich war es als Alternative zum gedruckten Telefonbuch gedacht, weshalb vor allem auch die Telefonnummersuche zu der Standardaktivität im Minitel gehört. Zu den meistbesuchten Seiten gehören vor allem auch soziale Medien, Suchmaschinen und mit lemonde.fr auch das Online-Angebot einer französischen Tageszeitung unter den Top 20. Es ist durch die gesammelten Erfahrungen durch Minitel nicht verwunderlich, dass noch heute speziell E-Commerce, soziale Medien, Internet-Suchen aber auch Informationsdienste und Nachrichten. Durch die starke Internationalisierung des Internets gibt es keine großen Unterschiede zur Internetnutzung der Deutschen, auch wenn einige Anbieter (beispielsweise leboncoin.fr, ein Kleinanzeigendienst) speziell auf dem französischen Markt agieren.

Fazit

Alles in allem kann man sagen, dass es einige Punkte gibt, die das französische Mediensystem einzigartig machen und es sich teilweise stark vom deutschen Mediensystem unterscheidet – auch wenn es Gemeinsamkeiten mit dem deutschen Mediensystem aufweist. Zusammengefasst lässt sich sagen: Das heutige französische Mediensystem ist stark von der Geschichte Frankreichs geprägt und extrem auf die französische Kultur ausgerichtet.

 

Quellen:

http://www.ambafrance-de.org/Medien-in-Frankreich
http://www.mediadb.eu/europa/frankreich.html
https://www.frankreich-info.de/themen/wirtschaft/zeitung-frankreich

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