„Lehr- und Lernmaterial ausdrucken und zwischen Buchdeckel packen, finde ich nicht mehr zeitgemäß“

Anfang Februar hat die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken (SPD) die SRH Hochschule für Wirtschaft und Medien in Calw besucht. Mit Studierenden sprach sie über die Digitalisierung des Bildungsbereiches.

Frau Esken, weshalb ist Ihnen die Digitalisierung im Bereich Bildung so wichtig?
Die Digitalisierung ist einfach Fakt. Es passiert, wir sind mittendrin. Das ist auch nicht Zukunft, sondern das ist Gegenwart. Wir müssen mit dem Wandel  konstruktiv umgehen, auch als Politik und als Gesellschaft. Ich denke, dass digitale Bildung da eine ganz wichtige Grundlage  ist.

Wie kann man Ihrer Meinung nach das Bildungssystem digitalisieren?
Man muss nicht alles umschmeißen, insbesondere was die Bildungsinhalte oder die Kompetenzen anbelangt. Es ist und bleibt wichtig, dass junge Menschen dazu befähigt werden, sich souverän in der Welt zu bewegen, sich ihre Meinung zu bilden, am gesellschaftlichen und am politischen Leben teilzuhaben. Deswegen müssen wir digitale Medien in den Unterricht hereinholen: als Unterrichtsgegenstand, um sich damit zu beschäftigen und auseinanderzusetzen, aber auch als Lehr- und Lernmittel. Junge Menschen müssen dazu befähigt werden, ein Leben lang weiter zu lernen, vor allem  selbsttätig in der Auseinandersetzung mit dem Wissen dieser Welt. Aber sie müssen kompetent damit umgehen, also die Nachricht von der Verschwörungstheorie unterscheiden können.

Sollte man mit E-Learning schon im Grundschulalter beginnen?
Die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung und das Verständnis für die Logik von Algorithmen und Funktionen von sozialen Medien muss meiner Meinung nach ein Teil des Unterrichts in der Grundschule sein. Zum einen haben Kinder auch zuhause einen unverstellten Zugang zu digitalen Medien, was bedeutet, dass man sich auch ganz dringend in Bildungseinrichtungen damit beschäftigen sollte. Zum anderen sollte man ein erstes Verständnis für Informatik und andere technische Aspekte in den Unterricht der Grundschulen einbringen, da Mädchen in diesem Alter noch nicht zu sehr in die Geschlechterrolle gedrängt sind und Interesse an Mathe oder Technik zeigen. Wenn man also in der Grundschule schon damit beginnt, kann man Mädchen und Jungen noch unverstellter für Technik begeistern. Dies wäre wesentlich für die heutige Zeit.

Können Sie sich vorstellen, dass Blöcke und Bücher irgendwann durch Tablets und Computer ersetzt werden?
Ich arbeite ziemlich wenig mit Papier und Stift. Das hat auch damit zu tun, dass ich meine eigene Schrift zwei Stunden später nicht mehr lesen kann. Ich denke schon, dass vieles ersetzt werden kann. Viele sprechen aber auch darüber, dass das handschriftliche Mitschreiben, zum Beispiel während einer Vorlesung, auch eine Art von Lernen sei. Jedoch wird bei beiden Prozessen, ob von Hand oder am Laptop, überlegt, wie ich etwas am besten aufschreibe, damit ich später noch etwas damit anfangen kann. Viele glauben auch, dass die Handschrift für die Feinmotorik wichtig sei, allerdings bin ich mir da nicht so sicher. Dass wir Lehr- und Lernmaterial immer noch ausdrucken und zwischen Buchdeckel packen, finde ich jedenfalls nicht mehr zeitgemäß – wegen der Weiterentwicklung und der Individualisierung, die in einem gedruckten Buch nicht möglich ist. Auch einen Lerngegenstand oder Lernmaterial auf eine Hörbehinderung oder eine Sehbehinderung anzupassen, ist digital wesentlich einfacher.

Frau Esken, vielen Dank für Ihren Besuch und das Interview.

Zur Person: Saskia Esken ist seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. Sie vertritt die Bürgerinnen und Bürger aus dem Wahlkreis Calw/Freudenstadt für die SPD. Bildung und Digitalisierung sind zwei thematische Schwerpunkte ihrer politischen Arbeit. So setzt sie sich auch stark für die Digitalisierung des Bildungsbereiches ein.

Ein Interview von Studierenden des Studiengangs „Medien- und Kommunikationsmanagement“ (MUK0516)

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