Chancengleichheit im Bildungssystem

Dr. Ernst Dieter Rossmann, Bildungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, spricht in diesem Interview über Chancengleichheit, Studiengebühren für internationale Studierende und politische Entwicklungen in den USA. Das Interview wurde Anfang Februar von Studierenden der SRH Hochschule Calw geführt.

Herr Rossmann, was bedeutet Chancengleichheit für Sie?

Es bedeutet für mich, dass nicht Geburt, Reichtum oder andere Voraussetzungen eine Bedeutung für den Bildungsverlauf haben, sondern dass, was jemand kann und lernen will. Aus meiner Jugend ist mir ein ganz bestimmtes Bild im Kopf geblieben: In der ersten Klasse wurden damals noch Klassenfotos gemacht. Ganz vorne saßen die Kinder aus den gut gestellten Familien, hinten standen die aus den Baracken. Dieses Kinderbild könnte man auch auf die aktuelle Situation übertragen, da so etwas in Teilen leider immer noch besteht. Die drei großen Risikofaktoren Arbeitslosigkeit, Armut und Bildungsferne halten nach wie vor manche Kinder davon ab, ihr Potenzial zu entfalten.

Zurzeit plant das Ministerium für Wissenschaft einen Gesetzesentwurf zur Erhebung von Studiengebühren für Zweitstudiengänge und internationale Studierende. Wie bewerten Sie diese finanzielle Hürde?

Ich glaube, dass die paar Millionen Euro, die dadurch zusammenkommen und zum Beispiel von Studierenden aus China und anderen asiatischen Ländern gezahlt werden, nicht das falsche Signal aufwiegen. Es wird unterschieden zwischen EU-Ausländern und anderen Ausländern. Gerade an Hochschulen herrscht jedoch eine Weltoffenheit und Zugänglichkeit, die diese Unterscheidung nicht vorsieht.

Sehen Sie Hochschulen mit Studiengebühren kritisch in Bezug auf Chancengleichheit?

Grundsätzlich ist eine sozialdemokratische Position, dass wir Bildung kostenfrei machen wollen – von der Kindertagesstätte bis zum Studium. Gestützt von unserer Verfassung, auch von unserer Anlage des Hochschulsystems, sehe ich staatlich anerkannte, private Hochschulen als Ergänzung, die sich über Studiengebühren mitfinanzieren. Da kommt es für mich darauf an, ob diese Gebühren exkludierend sind. Was wir nicht brauchen können, sind exkludierende Hochschulen mit gewaltigen Gebühren wie etwa in Amerika. Dort gibt es in der Mittelschicht eine Riesen-Verschuldung, da die Studiengebühren an den dortigen Hochschulen so hoch sind, dass sie eine Last für die Familien sind. Es sollte der Grundsatz verfolgt werden, dass Bildung als Menschenrecht, als Bürgerrecht, kostenfrei ist.

Wie sehen Sie hinsichtlich der Chancengleichheit die aktuellen Entwicklung in den USA?

Ich habe heute mit Bedauern gelesen, dass der amerikanische Vizepräsident das erste Mal in der Geschichte Amerikas ein Patt im zuständigen Senatsausschuss zur Anerkennung eines vorgeschlagenen Regierungsmitglieds mit seiner Stimme überstimmt hat. Jetzt ist in Amerika eine Bildungsministerin angetreten, die eine volle Privatisierung des Bildung- und Hochschulwesens anstrebt, mit schlechten Folgen. Das sehe ich mit großer Sorge.

Herr Dr. Rossmann, vielen Dank für Ihren Besuch unserer Hochschule und das Gespräch.

Zur Person: Dr. Ernst Dieter Rossmann ist seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages. Sein Schwerpunkt liegt auf Bildung und Forschung. Daher ist er auch Sprecher einer entsprechenden Arbeitsgruppe. Zudem gehört er dem Vorstand der SPD-Bundestagsfraktion an, ist beratendes Mitglied der Grundwertekommission der SPD und er vertritt die Landesgruppe Schleswig-Holstein in der SPD-Fraktion.

Ein Interview von Studierenden des Studiengangs „Medien- und Kommunikationsmanagement“ (MUK0516)

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