„Martin Luther hätte gejubelt“

Wie setzt die Kirche Soziale Medien ein? Und was ist für die Zukunft geplant? Über diese und andere Fragen spricht der Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Nagold, Ralf Albrecht, in diesem Interview.

Herr Albrecht, was halten Sie von den Social-Media-Aktivitäten der Evangelischen Landeskirche in Württemberg?

Das ist 500 Jahre Reformation. Ohne Buchdruck und Flugblatt wäre die Reformation nicht dasselbe geworden. Das Internet ist eigentlich noch revolutionärer als der Buchdruck. Da muss sich unbedingt etwas tun. Deswegen gibt es eine Digitalisierungskommission der Landeskirche. Diese ist gerade dabei, eine Roadmap zu entwickeln, wie Digitalisierung und Soziale Medien in der Landeskirche stärker gefördert werden können.

Warum hat es eigentlich so lange gedauert, bis die Kirchen die Social-Media-Kanäle nutzen? Die meisten haben ja doch erst relativ spät damit angefangen.

Richtig. Das hat aber zunächst auch gute Gründe. Es ist doch eigentlich auch schön, dass in der Kirche nicht jede neue Entwicklung am nächsten Tag mit atemlosen Hecheln umgesetzt wird. Ich muss nicht schauen, ob ich in irgendeiner Weise noch up-to-date bin. Ich glaube, wir sind da auch nicht weit hinter Rathäusern und Landratsämtern zurück.

Und die Evangelische Landeskirche in Württemberg ist da relativ weit vorne dabei?

Ja, wir sind die Ersten, die das mit einer eigenen Digitalisierungskommission auch konzeptionell als gesamte Roadmap anbieten. Das war und ist ein sehr erfolgreicher Prozess, der allerdings nicht öffentlich ist. Deshalb kann ich nicht im Einzelnen sagen, wie man da vorgegangen ist. Aber das ist hochprofessionell mit externer Beratung einer entsprechenden Firma, die auch im Bereich Soziale Medien sehr intensiv unterwegs ist. Die Roadmap wird Ende des Jahres oder Anfang 2018 veröffentlicht. Im Oktober diskutieren wir sie intern und legen sie vollends fest.

Welche Social-Media-Kanäle nutzen Sie persönlich und wie lange schon?

2010 haben wir einen Facebook-Auftritt für den Kirchenbezirk aufgebaut, bei dem ich Administrator wurde. In diesem Zusammenhang hat unser Bezirks-Internetredakteur vorgeschlagen, auch einen persönlichen Account für mich einzurichten. Das habe ich dann gemacht und ihn nie genutzt. 2013, in den Osterferien, habe ich mich dann mit ein paar Anderen zusammen in Facebook eingearbeitet. Mein Facebook-Auftritt ist öffentlich und da gebe ich das hinein, wovon ich denke, dass es die Öffentlichkeit interessiert. Manche interessiert es, viele interessiert es nicht. Was bisher bei mir ganz wenig ist, weil ich es einfach auch zeitlich nicht schaffe, ist das Thema direkte Interaktion und Multimedialität. Ich nehme mir einfach drei Mal pro Woche eine Viertelstunde Zeit und dann ist es gut.

Sie haben gesagt, dass sich viele nicht dafür interessieren. Bekommen Sie auch Rückmeldungen, dass Ihr Facebook-Auftritt ankommt?

Ja klar. Viele, die sich in irgendeiner Weise für Kirche interessieren, melden sehr intensiv zurück. Hier in der Region, aber auch weit darüber hinaus.

Kennen Sie Beispiele von Gemeinden hier im Kirchenbezirk Nagold, die eine sehr erfolgreiche Social-Media-Arbeit betreiben?

Hier im Kirchenbezirk Nagold gibt es keine Gemeinde, die an dieser Stelle ganz besonders aktiv ist. Da ist es eher so, dass man noch sehr traditionell denkt: der Presseartikel da, der Gemeindebrief hier.

In der Lippischen Landeskirche gibt es sogenannte Social-Media-Gottesdienste. Gottesdienste werden per Livestream im Internet übertragen und die Leute können sich – aus der Kirche oder von zu Hause aus – über verschiedene Online-Kanäle beteiligen. Was halten Sie davon und können Sie sich vorstellen, einen solchen Gottesdienst zu feiern?

Mit Blick auf die Barrierefreiheit von Gottesdiensten ist das eine gute Möglichkeit. Nur haben wir das Problem, dass oft die technische Barrierefreiheit noch eine große Rolle spielt. Und das ausgerechnet dort, wo wir Barrierefreiheit erzeugen müssen: bei unseren älteren und kranken Leuten. Google, Amazon und andere werden weiter intensiv daran arbeiten, dass Spracherkennung hier etwas tun kann. Es ist noch sehr in den Kinderschuhen, aber ich warte schon noch darauf, dass die Alexa im Krankenzimmer dafür sorgt, dass der Livestream ohne jedes Problem ankommt. Also sprich: „Alexa, ich möchte gern den Gottesdienst der Evangelischen Kirche Nagold hören.“ Bis dann der Dekan von der Kanzel zu hören ist, das ist noch ein weiter Weg.

Die Beteiligung über Online-Beiträge am Gottesdienst ist etwas relativ Neues?

Ja, ich habe es von ein paar Evangelischen gehört, die das machen. Wir haben das immer schon mal gehabt: Schick dein Gebetsanliegen als SMS und all das. Das ist in den Kinderschuhen das gewesen, was jetzt ganz anders möglich ist. Ja, warum nicht.

Haben Sie nicht die Sorge, dass ein Stück weit Gemeinschaft verloren geht, wenn man sich nicht mehr in der Kirche trifft, sondern den Gottesdienst von zu Hause aus mitfeiert?

Gemeinschaft ist längst verloren gegangen. Von meinen Kirchenmitgliedern treffen sich etwa drei bis fünf Prozent in der Kirche. Von daher würde ich jetzt nicht von einem Untergangsszenario sprechen.

Der Humanistische Freidenkerverband Ostwürttemberg wirft den Kirchen vor, dass sie ein besonderes Zugangsrecht zu den Medien haben. Als Beispiel nennt der Verband Rundfunkräte, die mit Kirchenvertretern besetzt sind. Was sagen Sie dazu?

Die Kirchen, in denen sich nach momentanem statistischem Stand in Württemberg ungefähr zwei Drittel der Menschen auf die unterschiedlichste Art und Weise verorten, spiegeln etwas von dem wider, was in unserer Gesellschaft wichtig ist. Der Humanistische Freidenkerverband Ostwürttemberg sicher auch, aber sicher nicht mit der gleichen Bedeutung.

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie die kirchliche Arbeit im Hinblick auf Digitalisierung und Soziale Medien in Zukunft aussehen soll, vielleicht auch ganz konkret im Kirchenbezirk Nagold?

Ich träume von verschiedenen Dingen. Das eine ist, dass wir unsere gesamte Organisation digitalisieren. Momentan läuft bei uns viel über Email und auch noch sehr, sehr viel über Papier. Das erste, was wir komplett online geschafft haben, ist die Evangelische Landessynode. Die ist ganz papierfrei. Da gibt es dann entsprechende Plattformen und Portale, in denen alles interaktiv angelegt ist. Aber sonst gibt es das an vielen Stellen noch nicht. Und warum sollen nicht die gesamten Personalentwicklungs- und Fortbildungsfragen, das Pfarramt und all das einfach digital abgewickelt werden?

Punkt zwei ist das Thema Kommunikation. Wir sind zunehmend an sehr vielen Stellen dieser Welt unterwegs. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, sich miteinander in geschütztem Rahmen in Gruppen auszutauschen. Es gibt noch viele Missverständnisse, weil die Signale viel deutlicher sind, wenn man sich einander gegenübersitzt. Diese Deutlichkeit muss aber auf Dauer nicht der Grund sein, warum wir das nicht machen. Eine wichtige Frage, bei der Kirche ganz vorne dabei sein muss, ist das Thema Datenschutz. Da gibt es ein paar Fragen, aber die kann man aus meiner Sicht auch lösen.

Das Dritte ist das Thema Mobilität. Wir haben weiterhin Orte, an denen wir uns nicht nur virtuell, sondern in der Realität treffen. Aber dieses Treffen in der Realität müssen wir anders organisieren. Die Theorie ist längst da. Ich sage jetzt mal Kirchen-Uber. Da sehe ich im ländlichen Raum riesige Möglichkeiten. In Stuttgart wird so etwas nicht im Großen kommen. Da muss man ÖPNV-Fragen lösen. Aber im ländlichen Raum muss das über digitale Fahrgemeinschaften gelöst werden.

Man wird heute praktisch mit Informationen überflutet. Wie will die Kirche es schaffen, da herauszustechen, dass man überhaupt gehört wird?

Die Kirche muss mit ihrer Botschaft punkten. Wenn sie allein mit der Frage punktet, ob sie technisch jeweils up-to-date ist, kann sie es finanziell nicht packen und ideell auch nicht. Aber sie hat eine Botschaft, die über Jahrtausende Menschen immer jeweils aktuell erreicht hat und diese Botschaft muss da drin sein.

Noch eine rein spekulative Frage zum Reformationsjubiläum: Hätte Martin Luther seine Thesen heute getwittert?

Also das hätten die alle ganz bestimmt gemacht, das ist überhaupt keine Frage. Auch damals gab es eine Form von Informationsflut: Es gab Tausende Flugblätter. Das Geheimnis ist ja, was dieses Flugblatt dazu gebracht hat, dass es nicht ein Flugblatt blieb, sondern nach 500 Jahren noch gefeiert oder beklagt wird. Und diese Frage muss man auch heute stellen. Die Möglichkeiten sind ganz andere. Martin Luther hätte gejubelt, wenn er die Möglichkeiten gehabt hätte. Aber was macht in dieser Flut etwas relevant? Das ist die viel wichtigere Frage.

Vielen Dank für das Interview!

Zur Person: Ralf Albrecht ist Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Nagold, Vorsitzender der Christusbewegung „Lebendige Gemeinde“ und Mitglied der Landessynode sowie der Digitalisierungskommission der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

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