Medienethik als Brücke zwischen journalistischer Praxis und Moral

Die digitale Medienlandschaft unterliegt derzeit massiven Veränderungen. Dadurch entsteht Handlungsbedarf, medienethische Fragen systematisch zu beleuchten.

Wie soll über Gewalttaten berichtet werden? Sollte das Grauen ungefiltert in Wort und Bild dokumentiert werden? Wo bleibt da die Chronistenpflicht, deren Aufgabe es ist objektiv zu berichten? Sollte sich die journalistische Berichterstattung eher in Zurückhaltung üben, da die Rezipienten derart drastische Informationen womöglich nicht angemessen verarbeiten können? Und wie soll sich der Umgang mit schockierendem Bildmaterial, welches aus den sozialen Netzwerken im Internet kursiert, gestalten?  Aufgabe der Medienethik ist es, sich diesen Fragestellungen anzunehmen und angemessene Wertemaßstäbe zu formulieren.

Unterschiedlichste Formen und Ausprägungen medialer Angebote fordern einen angemessenen Umgang. Die Medienethik soll als Form der angewandten Moralphilosophie einen systematischen Beitrag zur Beurteilung potenzieller moralischer Verfehlungen leisten. Hierbei soll sie sich auf ein philosophisch fundiertes Wertesystem beziehen, welches Richtlinien für den angemessenen Umgang mit Medieninhalten formuliert und klare Verantwortungszuständigkeiten definiert.

Defizite im Bereich der medialen Angebote, der Mediennutzung und der Programminhalte gilt es aufzuzeigen. Hier bildet  die Medienethik die Grundlage zur Reflektion, Sensibilisierung und Verantwortungszuständigkeit. Sie zielt darauf ab, alternative Handlungskonzepte anzubieten, anhand derer die Qualität und moralische Angemessenheit medialen Tun und Lassens bewertet werden können. Im Fokus steht hierbei die Reflektion moralisch-fragwürdiger Medieninhalte. Idealnormen werden im Rahmen dieser Steuerungsfunktion in Richtlinien und Kodizes festgelegt. Diese sollen die Einhaltung professionsethischer Werte wie die wahrheitsgetreue Unterrichtung, Sorgfalt, Richtigstellung von Falschmeldungen und den Schutz der Privatsphäre beinhalten. Boventer zählt dazu drei Maximen auf: Ehrlichkeit im Beobachten, Sorgfalt beim Recherchieren, Unabhängigkeit im Urteil. Verantwortung bedeutet, dass der Journalist nicht alles darf, was er kann. Ins Zentrum journalistischer Tätigkeit rückt die Funktion von Macht und Wissen. Kernbestand von Medienethik ist im Sinne von Boventer die innere Geistesfreiheit und die damit verbundene Geistesmoral. Sie wird durch die Pressefreiheit, als das politisch stärkste Grundrecht garantiert. Doch da die Freiheitsfrage leicht zur Machtfrage wird, braucht sie einen Maßstab. Boventer sieht diesen in der Menschenwürde. Die Menschenwürde ist wechselseitig zu betrachten. Auf der einen Seite steht die Würde der Journalisten selbst, welche sich auf das Gesetz der Pressefreiheit stützt. Auf der anderen Seite steht die im Grundgesetz verankerte Würde des Menschen, welche unantastbar ist. Diese beiden Grundwerte gilt es in Einklang zu bringen.

Die  medienethische Debatte wird in der Regel fallspezifisch geführt. Dabei geht es um die Beobachtung und Analyse alltäglicher Defizite im Medienspektrum aufgrund journalistischer Fehlleistungen, u.a. Fälschung von Presseprodukten, die Manipulation von Fotoaufnahmen durch Zensurmaßnahmen,  Verletzung des Persönlichkeitsschutzes der Prominenz und von Angehörigen bei Unglücken und Katastrophen sowie der unkritischen „Hofberichterstattung“. Aus ethischer Sicht geht es bei dem Mediencontent auch um die Zulässigkeit bei der Verarbeitung problematischer Inhalte. Frauenfeindliche, rechtsextreme und gewaltverherrlichende Sendungen und Publikationen werden kritisiert, welche ihren Weg über die verschiedensten medialen Kanäle finden. Die Pressefreiheit kollidiert auch mit der Verletzung religiöser Empfindungen. Die Debatte um die Mohammad-Karikaturen oder die Papstdarstellungen in der Satire-Zeitschrift Titanic haben diesen Sachverhalt deutlich gemacht. Unlängst wurde die Schmähkritik des TV-Moderators Böhmermann gegenüber dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan in Bezug auf die Kunstfreiheit kontrovers erörtert und diskutiert.

Ein wesentlicher Kritikpunkt in der Berichterstattung besteht darin, dass einige Journalisten aufgrund ihrer Jagd nach Schlagzeilen die Privatsphäre der in ihren Berichten dargestellten Personen nicht adäquat achten. Sensationslust, Kritiksucht, Zynismus, Enthüllungsgier und Menschenverachtung werden als prägnante Faktoren journalistischen Fehlhandelns formuliert. Inzwischen sind in diesem Zusammenhang nicht nur die klassischen journalistischen Produkte in Bezug auf die medienethische Debatte zu nennen, sondern auch Blogs von nicht journalistisch ausgebildeten Akteuren sowie Veröffentlichungen von Enthüllungsplattformen wie Wikileaks. Aus diesem Grund vergrößert sich auch der Kreis an Akteuren und das Ausmaß der Skandalisierung. Medien, welche zugleich Wirtschafts- und Kulturgut sind, agieren im kommerziellen Sinne und stehen in Konkurrenz zu ihren Mitbewerbern. Sie funktionieren nach dem Prinzip des Marktmodells, sofern von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland abgesehen wird. Letztere werden größtenteils über die Gebühren der Zuschauer finanziert und unterliegen einem Programmauftrag im Sinne eines Integrationsmodells. Damit kommen sie der Informationspflicht über gesellschaftlich relevante Themen nach. Dem gegenüber stehen Medienbetriebe, welche  auf die Resonanz der Rezipienten angewiesen sind, die sich je nach Medium von Klicks, Einschaltquoten oder dem Verkauf von Printprodukten messen.

Quote und Auflage bestimmen die Werbepreise. Diese sind für die Existenz von Medienunternehmen unentbehrlich, sofern keine Subventionierung vorliegt. Die Basis jeder seriösen Berichterstattung bilden mindestens zwei unabhängige Quellen. Dennoch werden frei erfundene und unzureichende  recherchierte Berichte immer wieder verbreitet. Hierbei wird die journalistische Sorgfaltspflicht verletzt. Skandale, an denen Journalisten selbst beteiligt waren, liegen ebenfalls vor:

  • 1988 gerät ein Banküberfall zur Irrfahrt durch die Bundesrepublik. Reporter wurden zu Marionetten der Geiselnehmer. Journalisten behinderten nicht nur die Polizeiarbeit, sondern agierten auch als Sprachrohr und Lotsen bei der Wegbeschreibung für die Täter. Es wurden Live-Interviews mit dem Täter in der Innenstadt von Köln geführt. Schließlich waren mehrere Tote zu beklagen, welche die Täter auf der Flucht ermordeten.
  • Der Schweizer Journalist Tom Kummer arbeitete ab 1993 als Hollywood Korrespondent. Im Jahr 2000 löste er einen Medienskandal wegen gefälschter Interviews aus. Zahlreiche seiner fiktiven Beiträge wurden im Magazin der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.
  • Ein tragischer Todesfall führte zu einer falschen Berichterstattung, welche sowohl von Boulevard- als auch von Qualitätsmedien geführt wurde. Ein sechsjähriger Junge kam 1997 in Sebnitz in einem Schwimmbad ums Leben. Sein Vater war Iraker, daher ging die Mutter des Opfers von einem rechtsradikal motivierten Verbrechen aus. In zahlreichen Medien wurde über die mutmaßliche Straftat berichtet. „Neo-Nazis ertränkten Kind“ (Bild), „Badeunfall erweist sich als rassistischer Mord“ (taz) oder „Ein Kind ertränkt wie eine Katze“ (Süddeutschen Zeitung) lauteten die Schlagzeilen. Bei näheren Recherchen stellte sich jedoch heraus, dass es sich um einen Badeunfall ohne Fremdeinwirkung handelte. Mehrere Medien haben in diesem Fall anscheinend von einander abgeschrieben, ohne den genauen Tatvorgand selbst zu recherchieren.
  • 2004 wurde der Moderator Andreas Türck der Vergewaltigung beschuldigt. Die Bild rief daraufhin eine Kampagne gegen Türck ins Leben. Sein Fall wurde publizistische ausgeschlachtet. Überschriften wie „Die Sex-Akte-Türck“ oder „Hier steht Andreas Türck ein letztes Mal im Licht“ trugen maßgeblich dazu bei. Jedoch erhärteten sich die Vorwürfe gegen ihn nicht und er wurde schließlich freigesprochen. Dessen ungeachtet war seine Karriere durch den Reputationsverlust aufgrund falscher Beschuldigungen für Jahre zerstört.
  • 2010/2011 wurde ein Strafverfahren gegen den Wetter-Moderator Jörg Kachelmann geführt. Dieser wurde der Vergewaltigung beschuldigt jedoch letztlich freigesprochen. Dem Freispruch ging eine lange Mediendebatte voraus. „Die Zeit“ und „Der Spiegel“ unterstützten den Angeklagten publizistisch immer wieder, wohingegen „Die Bunte“ und „Die Bild“ erhebliche Vorwürfe gegen ihn vorbrachten.

Diese und weiter Beispiele verdeutlichen, wie sich die Gier nach einer interessanten und lukrativen Story auswirken kann und unter der Missachtung journalistischer Standards selbst zu einem Skandal werden kann.  Die Medienethik sollte die Chance nutzen, moralisch fragwürdige Medieninhalte kritisch zu analysieren und zu recherchieren. Verfehlungen und Grenzüberschreitungen sollten transparent kommuniziert werden.  Hierbei fungiert die Medienethik als Steuerungsinstrument. Intention ist es, dass sich das Vorgehen in der Berichterstattung an ethischen Maximen durch Einsicht und Autonomie orientiert. Neben die handwerkliche Kompetenz des Journalisten tritt auch moralische Verantwortlichkeit. Letztere erhält in der Aufgabe, Situationen und Entscheidungen moralisch zu bewerten und gegeneinander abzuwägen.

Die Kluft zwischen normativ moralischen Ansprüchen an die massenmediale Darstellung und den faktischen Ausprägungen ist groß. Signifikante Strukturen und Sachzwänge verhindern, dass die skizzierten Vorgaben für eine angemessene und instruktive Berichterstattung eingehalten werden.  Die auf der Idealebene angesiedelten Forderungen an die Medienethik befinden sich in einem Spannungsverhältnis zu den faktischen Gegebenheiten der journalistischen Praxis. Diese ist durch Konkurrenzdruck, wirtschaftliche Interessen und Zeitdruck geprägt. Der Zwang und die Notwendigkeit zur Aktualität führen zu Einschränkungen in der umfangreichen Recherche, der Überprüfung und der Recherche in Bezug auf Hintergrundinformationen. Die ideale Berichterstattung ist mit ihren radikalen Ansprüchen schwer in der journalistischen Praxis umzusetzen. Trotz allem sollte die Annäherung an ideale Leitbilder im Blick behalten werden. Nur so können medienethische Standards im Rahmen journalistischer Arbeit gewahrt werden.

Eine hinreichend fundierte Medienethik sollte über fallbezogene Skandalbeschreibungen hinaus gehen. Sie sollte die Strukturbedingungen und die Handlungsspielräume betrachten, unter denen Journalisten und Medienbetriebe in einer primär kommerziell orientierten Medienlandschaft arbeiten. Die Medienethik verfolgt das Ziel, Regeln für ein verantwortliches Handeln in Produktion, Distribution und Rezeption von Medien aufzustellen. Dadurch sollen ethisch gebotene Selbstverpflichtungen der am Medienprozess beteiligten Berufsgruppen, Branchen und Individuen eingehalten werden. Zudem wird auch der Verantwortung des Publikums eine bedeutende Rolle zugetragen.

Was im Journalismus als  richtige und gut anzusehen ist, kann nicht durch ein „ethisches Rezeptbuch für gutes und faires Handeln im Journalismus“ pauschalisiert werden. Ethische Frage bleiben offene Fragen, welche fortlaufend zu stellen sind. Durch den öffentlichen und freien Dialog innerhalb der Gesellschaft kann die Ethik des Journalismus zwischen normativer Ethik und journalistischer Praxis eine Brücke schlagen. Nur durch das Zusammenwirken aller Akteure lässt sich eine kritische Reflexion von Medieninhalten vornehmen, an die eine mündige Teilhabe der Menschen am politischen, kulturellen und sozialen Entwicklungsgeschehen geknüpft ist.

Quelle: In Anlehnung an Prof. Dr. Christian Schicha

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