„Ich bin durch jede Hölle gegangen, durch die man gehen kann“

Interview mit Pierre M. Krause

In diesem Interview spricht der bekannte Moderator Pierre M. Krause über das Fernsehen, Humor und worauf es im Leben ankommt.

Quelle: Eigenes Bild

Pierre M. Krause (geboren 1976 in Karlsruhe) ist Autor, Schauspieler, TV-Moderator und Humorist. Er hat ein schlagfertiges und freches Mundwerk und begeistert damit Woche für Woche seine Zuschauer in  „Die Pierre M. Krause Show“. Was viele nicht wissen: Krause ist nicht nur vor der Kamera tätig, er sitzt auch im Schnitt, schreibt und produziert Einspieler für seine Show. Seinen Durchbruch erlangte der gelernte Bankkaufmann und Studienabbrecher 2002 bei Dasding.tv.

Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnet Pierre M. Krause langsam die Tür zu seinem kleinen Büro auf dem SWR-Gelände in Baden-Baden. Er wirkt müde, in der Hand eine Cola-Dose, die offenbar als Wachmacher dienen soll. Freundlich stellt er sich vor, bietet sofort das „Du“ an und lädt herzlich ein hereinzutreten. An der Wand hängt ein Poster einer Karikatur von Udo Lindenberg. Nachdem an einem Tisch Platz genommen wurde, geht es auch schon los.

Wie geht es Dir so kurz vor der Sommerpause?
Jetzt im Augenblick geht es mir okay, ich bin müde und leide unter Pollenallergie. Außerdem unter grobem Motivationsmangel, aber das ist phasenweise. Ich bin tatsächlich ein wenig overworked und möchte jetzt Urlaub haben.

Wo geht es denn hin? Raus aus deiner Heimatstadt Karlsruhe?
Absolut. Zunächst werde ich jedoch ganz langweilig in meiner 40-Quadratmeter-Wohnung im Dachgeschoss sitzen und im Internet surfen. Anschließend ein wenig reisen, allerdings bleibe ich in Europa.

Leidest Du als geborener Badener eigentlich unter der Tatsache, die ewige Nummer Zwei hinter den Schwaben zu sein?
(Lacht) Ich bin Kosmopolit. Mich interessiert das überhaupt gar nicht. Zufälligerweise bin ich dort geboren und genieße mittlerweile wieder das Privileg in der badischen Hauptstadt leben zu dürfen. Meine Heimat ist aber da, wo ich gerade bin. Doch um auf die Frage zurückzukommen: Es gibt Sagen und Mythen, die davon erzählen, dass es auch sehr sympathische Schwaben gibt.

Mittlerweile bist Du schon seit über zwölf Jahren im TV-Geschäft. Wusstest Du schon als Kind, dass Du später ins TV-Business einsteigen willst?
Speziell das Fernsehgeschäft nicht, nein. Aber ich glaube, es war schon relativ früh ein Drang da, kreativ tätig zu sein und es in irgendeiner Form zu publizieren. Ob das nun Fernsehen oder etwas anderes ist, war mir damals noch nicht klar. Das Expressionistische und das „Sich-in-einer-Werkstatt-einschließen-tagelang-basteln-um-es-dann-zu-präsentieren“ war schon immer da. Das Fernsehen kam dann so nach und nach. Ich war auch ein absolutes Fernsehkind. Ich bin mit drei Programmen aufgewachsen und habe ferngesehen, als andere Kinder draußen spielten.

Du bist Autor, Comedian, Schauspieler und Moderator. In welchem dieser Bereiche fühlst Du Dich am meisten Zuhause? Was schreibst Du beispielsweise in einen Patientenerhebungsbogen Deines Zahnarztes in die Zeile, wenn es heißt „Beruf:“?
Das ist jedes Mal eine sehr schwierige Angelegenheit. Manchmal schreibe ich auch so etwas wie „Kampfpilot“ rein, weil es mich amüsiert. Bei meiner Versicherung würde ich mich das allerdings niemals trauen, weil dies die Beiträge enorm in die Höhe treiben würde. Auf alle Fälle denke ich, dass mein Beruf formalistisch nicht leicht festzuhalten ist. Das merke ich auch in dieser doch sehr behördenhaft durchstrukturierten SWR-Welt. Hier gibt es Mitarbeiter aus der Verwaltung, den Redaktionen, dann Moderatoren und Autoren und ich bin irgendwie alles. Ich glaube, mein Beruf ist es Pierre M. Krause zu sein.

In einem Interview hast Du einmal gesagt, dass Du großes Glück hast, das nicht tun zu müssen, worauf Du keine Lust hast. Wie hast Du das gemeint?
Ich weiß das Privileg, eine regelmäßige Sendung im Öffentlich-Rechtlichen zu machen, sehr zu schätzen. Ich muss keine Clip-Show moderieren oder ins Dschungelcamp, um über Wasser zu bleiben. Ich würde das wohl auch nicht machen, sondern dann eine andere Verdienstmöglichkeit suchen. Kampfpilot zum Beispiel.

Wie fühlst Du Dich eigentlich in der TV-Nische?
Besser, als oft unterstellt wird. Die Show an sich würde ich allerdings gar nicht so sehr als „Nischenshow“ bezeichnen, eher den Sendeplatz. Im Nischensender in der Nische also. Mehr Underdog geht nicht. Früher saßen ja auch immer die Coolsten in der letzten Reihe im Schulbus.

Strebst Du dann ins Hauptprogramm?
Der SWR ist das Hauptprogramm! Oder? Nicht? Dann hat man mir da was Falsches gesagt.

Wie gestaltest Du Deine Freizeit?
Ganz einfach: Fernsehen und auf dem Sofa liegen.

SWR?
Selbstverständlich, ich kucke ausschließlich SWR-Fernsehen, weil es einfach der beste Sender von allen ist. Außerdem möchte ich mich schon einmal auf das vorbereiten, was mich erwartet, wenn der demographische Wandel auch mich persönlich betrifft. Ansonsten bin ich langweilig. Ich habe ehrlich gesagt auch nicht so viel Freizeit, aber wenn, dann gehe ich im Wald spazieren, schaue mir amerikanische Serien und Stand-Up-Programme an und koche, esse, fahre Fahrrad. Ach, und ich koche Chrystal Meth… (Grinst) Nein, tue ich nicht.

Bevorzugst Du Bier oder Wodka?
Das ist abhängig von der Situation. Kommt ganz darauf an, welchen Effekt man erzielen möchte. Bier geht immer, sozusagen nach dem Kaffee das erste Bier. Und Wodka ist hingegen ein klares, ehrliches Getränk, um schnell die Luke dicht zu machen. Insofern situationsabhängig. Wenn es schnell gehen muss, dann Wodka.

In welchen Situationen muss es denn schnell gehen?
(Grinst) Meine beiden besten Freunde und ich haben seit Jahren eine Tradition: Einmal im Jahr fahren wir gemeinsam in den Urlaub und beschäftigen uns dann hauptsächlich damit anthroposophische Literatur zu studieren. Aber an einem Abend in diesem Urlaub hauen wir uns rotzevoll und da hilft Wodka natürlich sehr.

Wo holst Du Dir Deine Inspiration für Deine Arbeit?
Leben. Immer mit offenen Augen durch die Welt gehen. Viele Medien konsumieren ist natürlich auch wichtig. Zuhören, wenn die Leute reden und beobachten, wie der Gemeinschaftskundelehrer mit den dreckigen Sandalen sich im ICE darüber beschwert, dass die Bahn mal wieder drei Minuten zu spät ist. Loriot hat mal gesagt: „Wer gut beobachten kann, braucht keine Fantasie“ und das stimmt auch.

Du bringst ein Zitat von Loriot an. War bzw. ist er ein Vorbild für Dich?
Es gibt sehr viele künstlerisch tätige Menschen, die ich großartig finde, aber ein direktes Vorbild habe ich nicht. Das lenkt zu sehr vom eigenen Schaffen und Stil ab. Trotzdem gibt es Leute, vor denen ich niederknie: Buster Keaton, Jerry Lewis, Woody Allen, Louis C.K., Eddie Izzard, Tina Fey, Amy Poehler,… Ich könnte noch eine ganze Weile Namedropping machen, die Liste ist lang.
Und klar: Loriot ist natürlich toll – da herrscht ja ausnahmsweise mal humoristischer Konsens in Deutschland. Jede Germanistikstudentin kann heute aus dem Stand einen Loriot-Sketch zitieren.

Gibt es etwas, was Dich unsicher macht? Hast Du Bedenken, dass Du etwas nicht schaffen könntest?
Klar, das ist, wie Hermann Hesse schon sagte, die „Künstlerseele“. Ich bin ständig zerfressen von Selbstzweifeln. Aber ich denke, das ist Teil jedes kreativen Prozesses. Wenn man sich zu sicher wäre, hätte man ein Sättigungsgefühl. Und das ist nie gut, um in irgendeiner Form künstlerisch tätig zu sein.

Kam es im Rahmen Deiner Show schon einmal vor, dass Du Dein Publikum absolut nicht mitreißen konntest?
Ja, sehr oft. Ich bin durch jede Hölle gegangen, durch die man gehen kann. In unserem alten Studio, wo noch im kleineren Rahmen vor Publikum aufgezeichnet wurde, habe ich jede Hölle schon erlebt, obwohl das Material gut war. Und ich selbst bin dann auch nicht gut. Denn man ist nur so gut, wie die Reflexion des Publikums es zulässt.

Du lebst dafür andere Menschen zu bespaßen. Aber findest Du Dich auch selbst lustig?
(Stille) Das ist eine gute Frage. Das stellt gerade alles auf den Kopf. Ich würde aber eher sagen, ich lebe DAVON Leute zu unterhalten. Und das tue ich natürlich mit meinem Humor, den ich schon lustig finde, sonst würde am Grundkonzept meines professionellen Daseins etwas nicht stimmen. Ich lache allerdings nicht über meine eigenen Witze, weil ich die Pointe meist schon kenne. Ich kann mich ja auch nicht zum Lachen bringen, in dem ich mich selbst kitzle.

Glaubst Du, dass Du im Fernsehen alt werden kannst? Möchtest Du das?
Im SWR-Fernsehen bestimmt, allein schon um mich an die Zielgruppe heranzutasten (lacht). Jedenfalls ist das schwer zu beantworten. An den totalen Tod des Fernsehens, wie er von einigen prophezeit wird, glaube ich nicht. Ich denke, das Fernsehen wird es immer geben. Nur die Verfügbarkeit wird sich immer mehr verändern. Unsere Aufgabe als Fernsehmacher ist es, ein gutes Produkt zu machen. Wie das dann geschaut wird, linear oder on demand, das entscheidet der Zuschauer. Deshalb sollten wir, gerade als öffentlich-rechtlicher Sender, unsere Konzentration auf das Inhaltliche legen.

Wenn Du eine Show aus dem Repertoire der deutschen Unterhaltungskunst übernehmen könntest, welche wäre das?
Es wäre meine, nur mit ordentlichem Budget und einem ordentlichen Sendeplatz. Und es muss auch nicht bei ProSieben sein, sondern auch gerne in diesem Sender. Aber dann einfach mal mit richtiger Wertschätzung. Gerne dann auch als tägliche Late-Night-Show. Oder die Lottozahlen. Das ist verlässlich und gut bezahlt.

Jetzt noch zum Abschluss: Was wünschst Du Dir für die Zukunft?
Das wirst Du jetzt vielleicht als langweilig empfinden, aber irgendwann auch verstehen: Gesundheit. Das ist das Wichtigste und die Voraussetzung für alles. Daraus resultiert, ob man glücklich ist. Meine Gesundheit und die Gesundheit der Menschen, die mir nahe stehen und wichtig sind. Das ist das, was ich mir für die Zukunft wünsche. Und dann noch das Ganze in einem friedlichen Umfeld.

Vielen Dank für das nette Gespräch.

Die „Pierre M. Krause Show“ läuft jeden Dienstag um 23.30 Uhr im SWR. 

Das Interview wurde von der Studierenden Alicia Riethmüller geführt. Privat bloggt sie unter „raalicia„.

Grußbotschaft von Pierre M. Krause

Tipp: Facebook-Seite von Pierre M. Krause liken!

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