„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“

Am 20. Januar 2016 sterben sieben afghanische Journalisten bei einem Selbstmordanschlag in Kabul. Das Ereignis ist kein Einzelfall. Im Jahr 2015 wurden laut des Barometers der Pressefreiheit 64 Journalisten wegen ihrer Arbeit getötet, 159 weitere sitzen in Haft. Dabei ist die Dunkelziffer deutlich höher. Afghanistan steht auf der Liste der Länder, in denen der Beruf des Journalisten hochgradig gefährlich ist, weit oben.

Die Bombe explodiert. Es ist 17:30 (Ortszeit) am 20. Januar 2016, als ein mit Sprengstoff beladenes Auto in Afghanistans Hauptstadt Kabul einen Kleinbus rammt und damit eine Explosion auslöst. In dem Kleinbus befinden sich laut eines Artikels der Stuttgarter Nachrichten Mitarbeiter des afghanischen Fernsehsenders Tolo TV, die sich auf dem Nachhauseweg befinden. Die radikalislamistischen Taliban bekennen sich dem Fernsehsender n-tv zufolge zu dem Anschlag, bei dem sieben Menschen getötet und 25 weitere Menschen verletzt wurden.

Laut eines Artikels der Organisation Human Rights Watch erklärten die Taliban die beiden afghanischen Sender Tolo TV und 1TV zu „militärischen Zielscheiben“, weil sie Lügen über die Taliban verbreiten würden und „Teil eines Propaganda-Netzwerks“ sein sollen. Tolo TV wird von der Moby Group betrieben. Der Gründer und Vorsitzende Saad Mohseni erhielt einen Großteil seines Startkapitals von der United States Agency for International Development, kurz USAID. Die amerikanische Behörde ist zuständig für Entwicklungsarbeit in Kriegs- und Krisengebieten. Das Tätigkeitsfeld erstreckt sich von Hilfestellungen mit dem Ziel des Wirtschaftswachstums bis hin zur Katastrophenhilfe. Aufgrund des Erhalts finanzieller Unterstützung wird Tolo TV unterstellt, die Inhalte zugunsten der USA und zum Nachteil der Gruppen im Inland auszurichten, beziehungsweise Lobbyismus für die USA zu betreiben. Lobbyismus, hier in seiner negativen Konnotation, ist eine Form der indirekten politischen Interessenvertretung. Andrew S. Natsios, ein ehemaliger Sekretär der USAID, verrät in einem Artikel des Online-Magazins Telepolis, dass die als Entwicklungsarbeit getarnten Aktionen das am „häufigsten eingesetzte Instrument“ seien, „wenn die Mittel der Diplomatie nicht mehr ausreichen und die Anwendung militärischer Gewalt zu riskant erscheint“.

Das Attentat auf die Mitarbeiter von Tolo TV ist kein Einzelfall. So wie die Journalisten des Fernsehsenders nun um ihr Leben fürchten, geht es den meisten Journalisten in Afghanistan. Laut Najib Sharifi vom Afghan Journalists Safety Committee, kurz AJSC, sind es nicht nur die Taliban, die die Journalisten und damit die Pressefreiheit bedrohen. Auch der Islamische Staat, Kriegsherren, die Mafia und sogar die Regierung versuchen Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen. Das AJSC hat es sich zur Aufgabe gemacht, Journalisten in Not unter anderem medizinische Hilfe zu leisten und Aufmerksamkeit für die schwierige Situation zu erwecken.

Frauen in der Medienbranche

Frauen haben es in der afghanischen Medienbranche besonders schwer: „Da sieht es ähnlich schlecht aus wie mit den Frauenrechten insgesamt in Afghanistan“, so Ulrike Gruska von Reporter ohne Grenzen. Im September letzten Jahres wurde der Sender Roshani, „der den Schwerpunkt explizit auf Frauenthemen legt und auch überdurchschnittlich viele Frauen beschäftigt“ von den Taliban angegriffen. „Die Situation der Medien spiegelt relativ gut die politische Situation insgesamt wider“, berichtet Gruska. Sie sieht die Unterstützung einzelner Medien durch die USAID nicht von vornherein kritisch. „Solche Medienformate sind oft umstritten, weil ganz schnell gesagt wird, das sei US-Propaganda. So schwarz-weiß sehen wir das aber nicht, denn es gibt viele Länder, in denen unabhängige Medien fast nur durch Kapital aus dem Ausland existieren können“, sagt Gruska. „Es kommt dann immer darauf an, wie sehr sich der Geldgeber in die Redaktionspolitik einmischt.“

Abdulbasir Abid war Nachrichtensprecher beim staatlichen Sender Radio Television Afghanistan in Kundus und somit einer der Journalisten, die wissen, dass journalistische Freiheit nicht selbstverständlich ist. Die Nachrichten über Selbstmordanschläge, wie der auf die Mitarbeiter von Tolo TV, machen ihm am meisten zu schaffen. In einem Interview mit der Autorin Rebecca Roth für ein SWR2 Feature sagt Abid: „Ich habe immer für Frauenrechte gekämpft, ich war eine Stimme für Frauenrechte…Das war als Kind mein Traum, dass ich eigene Stimme für meine Gesellschaft sein kann“, so Abid. Doch die Umstände machten es ihm schwer. „Journalisten können nicht draußen von große Städten gehen. Wenn sie gehen müssen, muss ein Journalist mit zehn Sicherheitskräfte zum ein Reportage gehen“, berichtet Abid, „Wenn ein Journalist arbeitet in ein Medien, der ist schon in Gefahr. Aber auch seine Familie ist in Gefahr.“ Welcher Bedrohung sich Journalisten  aussetzen, erlebte er am eigenen Leib. Dass Abid sich öffentlich für Frauenrechte einsetzt, sehen die Taliban nicht gerne. „Sie haben geschrieben, sie bringen mich um. Überall, wo ich bin in Afghanistan.“ Sie drangen in seine Wohnung ein, schlugen seinen Mitbewohner und fragten nach Abid. Als seine Mutter von den Ereignissen erfuhr, bat sie ihn zu gehen, dorthin wo er in Sicherheit ist. Nach einer langen und schwierigen Reise ist Abid nun in Deutschland angekommen und möchte wieder als Journalist arbeiten.

Relevanz von Pressefreiheit

Die Pressefreiheit, wie sie Abid nun in Deutschland erlebt, gibt es in Afghanistan nicht. Dies wird besonders deutlich anhand der Rangliste der Pressefreiheit, die jährlich von Reporter ohne Grenzen veröffentlicht wird. Afghanistan befindet sich aktuell auf Platz 122 von 180. Nummer 180 ist dabei das Land, in dem es um die Pressefreiheit am schlechtesten gestellt ist. Eine erschütternde Bilanz. Dabei ist die Pressefreiheit für jedes Land von gewaltiger Bedeutung, vor allem für Afghanistan, wo die Lage besonders konfliktreich, man könnte fast sagen explosiv ist und große Unzufriedenheit über die Regierung herrscht. Nur bei umfassender Berichterstattung kann eine faire Wahl stattfinden und folglich auch eine Regierung an die Macht kommen, die im Sinne des Volkes handelt.

„Wenn die Menschen eine Regierung wählen sollen, dann müssen sie die Möglichkeit haben, sich aus verschiedenen Quellen über die Geschehnisse im Land zu informieren. Und das geht nur, wenn es Medien gibt, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus umfassend berichten“, so Gruska. Des Weiteren erinnert sie an das bekannte Zitat, demzufolge das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist. Als Konsequenz mangelhafter und unfreier Berichterstattung seien die Menschen nicht dazu in der Lage, „souverän über die Zukunft in ihrem Land zu entscheiden“.

Zukunft der Medien in Afghanistan

Najib Sharifi von der AJSC ist der Ansicht, dass der Verlust der Unabhängigkeit der Medien in ihrer Berichterstattung gleichzeitig einen „Verlust ihrer Glaubwürdigkeit in den Augen ihrer Zuschauer“ bedeutet. Wie kann also in Zukunft Pressefreiheit gewährleistet werden? Laut Sharifi ist die Zukunft der Medien in Afghanistan von drei Faktoren abhängig. „Erstens, von der Unterstützung durch die Regierung und internationale Organisationen. Zweitens, von der allgemeinen Sicherheitslage des Landes. Und drittens, von dem Wirtschaftswachstum Afghanistans. Verbessert sich die wirtschaftliche Lage des Landes nicht, wird die Medienbranche mit ernstzunehmenden finanziellen Problemen zu kämpfen haben“, so Sharifi.

Damit afghanische Journalisten künftig keine Angst mehr haben müssen als Zielscheibe für die Taliban und andere Interessengruppen zu dienen, besteht der erste Schritt demzufolge darin, eine grundsätzliche Verbesserung der Sicherheitsstruktur des Landes zu schaffen, darin sind sich die befragten Experten einig. Erst wenn Sicherheit kein Fremdwort mehr ist und freie Meinungsäußerung nicht mehr mit Todesangst in Verbindung steht, kann den Tatsachen entsprechend berichtet werden und somit die Wahrheit wieder zum Leben erwachen. Doch wie sich Afghanistan und sein Journalismus entwickeln, bleibt ungewiss.

Abdulbasir Abid studiert jetzt. „Danach möchte ich hier als Journalist arbeiten und die Stimme meiner Leute für die Welt werden“, sagt Abid. So hofft er auf eine sichere Zukunft in Deutschland, fernab von Morddrohungen und Selbstmordanschlägen.

Ein Feature von Sahra Amini

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