P.U.L.S. – Herzaktion außerhalb des Gefäßsystems

Krebs – eine fürchterliche Diagnose. Trotzdem ist Bennet guter Laune. Das liegt zu einem Teauch an dem Projekt P.U.L.S., das junge Patienten in die Normalität zurückbringen möchte.

„Nein, danke, aber ich hätte gern ein Pils“, schallt es lachend durch den Saal, als Bennet die vom Pfleger angebotene Banane ausschlägt. Bennets Grinsen reicht vom linken bis zum rechten Ohr und sein Lachen sorgt für Erheiterung und Freude im ganzen Saal. Dabei sind die Umstände keineswegs erfreulich. Jeder der Patienten hat seine eigene Krankheitsgeschichte, weshalb er nun im Blutspenderzentrum der DRK in Frankfurt a.M. ist.

1.800 Kinder und Jugendliche bis zum 15. Lebensjahr erkranken jährlich in Deutschland an Krebs, so der Informationsdienst kinderkrebsinfo.de. Bennet ist einer von ihnen. Einer, der sich trotz allem seinen Alltag nicht nehmen lässt. Einer, der an der Aktion P.U.L.S. teilnimmt.

P.U.L.S. ist ein Kooperationsprojekt des Vereins „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt e.V.“ und der Heinrich-Hoffmann-Schule, welches 2008 initiiert wurde. Es ermöglicht den langzeiterkrankten Kindern und Jugendlichen live per Videokonferenz am Unterricht ihrer Schule teilzunehmen. Die Schüler versäumen dadurch weniger Lernstoff und der Kontakt zu Klassenkammeradinnen und Klassenkameraden wird leichter aufrechterhalten.

„Die Unterrichtspausen waren für eine unserer Patienten ein absolutes Highlight. Ihre Mitschüler und Mitschülerinnen versammelten sich alle vor der Kamera und tauschten sich über das Neuste aus“, berichtet Gisela Reisert vom Verein „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt e.V.“.

Bennet wird alle zwei Wochen im Blutspenderzentrum behandelt. Am Fußende des Bettes blitzen seine blauen Socken hervor, welche farblich auf sein blaues T-Shirt abgestimmt sind. Mit der linken Hand spielt er mit seinem Handy, während er mit der rechten Hand einen Gummiball knetet, damit die Blutabnahme nicht stockt. Dann kramt er sein Netbook hervor, mit dem er am P.U.L.S. Projekt teilnimmt, und zeigt, wie der PC-gestützte Unterricht abläuft.

Auf seinem Netbook ist eine ganz bestimmte Software installiert. Mehr, abgesehen von einer Webcam und einem Headset, ist für den Patienten zur Teilnahme am P.U.L.S. Projekt jedoch nicht erforderlich. Anders ist es in seiner Schule: Im Klassenzimmer steht der sogenannte P.U.L.S Koffer. Dieser beinhaltet alles, was zur Übertragung benötigt wird. Hierzu zählen ein Monitor, eine Kamera, welche von Schülern ebenso wie von dem Lehrer gesteuert werden kann, ein Computer mit entsprechender Software, zwei Raummikrofone und ein Kragenmikrofon für den Lehrer. All diese Komponenten sind im Koffer bereits verkabelt. Welche Fächer, wann und ob Bennet zum Unterricht zugeschaltet wird, kann er frei entscheiden.

Plötzlich piept das medizinische Gerät! Bennet hat zu die Blutbewegung nicht ausreichend gefördert. „Oh Mann, ich knete doch!“, kichert er, als das Pflegepersonal vorbei kommt und das ohrenbetäubende Geräusch ausstellt. Etwas später entfernt das Pflegepersonal alle Schläuche, Nadeln und Kanülen aus seinen Armen. Routiniert verlässt Bennet den Behandlungsraum und schlendert zielstrebig zur Essensausgabe. Den Patienten wird eine Vielzahl von diversen Speisen angeboten: Brezeln, belegte Brötchen, Suppe, Obst, Süßigkeiten und verschiedene Softgetränke. Bennet schnappt sich drei kleine Marsriegel und eine Cola – auf was anderes hat er keinen Appetit.

Wie so häufig, leistet seine Mutter Bennet Gesellschaft. Die Eltern waren gemeinsam auf den PC-gestützten Unterricht aufmerksam geworden. Doch anfangs gab es technische Probleme mit der Zoomfunktion der Kamera. Auch kann Bennet ja nicht mitmachen, wenn seine Mitschüler Arbeitsblätter ausfüllen müssen, die ad hoc ausgeteilt werden. Eine weitere Voraussetzung für die Videokonferenz ist, dass die betroffenen Lehrkräfte und die Schulleitung ihr Einverständnis erteilen, ebenso wie alle betroffenen Schüler und Schülerinnen bzw. deren Eltern. Diese Bedingung stellt in manchen Fällen eine große Hürde dar. Wenn sich nur eine Person dagegen ausspricht, kann das Projekt nämlich nicht durchgeführt werden. Umso erfreulicher für Bennet, dass die Weißfrauenschule in Frankfurt und seine Klasse das Projekt mittragen.

Ein Mann mit langem weißem Kittel bittet Bennet mitzukommen. Er muss zum zweiten Teil der Behandlung. Bennet schleicht zurück in den großen Raum, direkt links neben dem Eingang steht sein Bett. Erst als die vierstündige Therapie sich dem Ende neigt, wird das behandelte Blut zurückgeführt. Währenddessen schaut sich Bennet Videos an, die er mittlerweile fast synchron mitsprechen kann. Der junge Mann, hinter der Kamera, bringt den Teenager mit seinen Sprüchen immer wieder zum Lachen.

Für den 16-jährigen ist es wichtig, trotz Krankheit am Unterricht teilzunehmen. Die Schule besucht er, soweit es ihm gesundheitlich möglich ist. Fühlt er sich jedoch zu schwach, klappt Bennet sein Netbook auf und ist „live“ mitten im Geschehen. Dies soll in Zukunft auch für Patienten anderer Krankheiten ermöglicht werden.

„Wir hoffen, dass wir das P.U.L.S. Projekt bald auch für andere Erkrankte anbieten können, wie zum Beispiel für Mädchen, die an Magersucht leiden“, sagt der Leiter der Heinrich-Hoffmann-Schule Frank Pastorek.

Bennets Tropf neigt sich dem Ende. Gegen 14 Uhr hat er die vierstündige Behandlung hinter sich. Wieder einmal hat ihm das P.U.L.S. Projekt ein wenig geholfen, die Behandlung so gut zu überstehen und dabei mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben. Dies zeigt, wie wichtig das Herzprojekt außerhalb des Gefäßsystems ist. Ein Wunsch ist indes noch offen: ein Pils, das wäre jetzt gut.

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