Roboter im Journalismus – Mehrwert oder Bedrohung?

Das Internet war die erste Hürde, der sich der klassische Journalismus stellen musste. Nun aber folgt schon die nächste Entwicklung: der Roboterjournalismus. Doch was steckt eigentlich dahinter?

„In der Nacht scheint nur selten die Sonne.“

Die Worte bringen zum Schmunzeln. Sie stammen aus der Feder eines Journalisten der Tageszeitung „Trierischer Volksfreund“.

Menschen machen Fehler – Maschinen machen deutlich weniger Fehler, behauptete Saim Alkan auf dem Frankfurter Tag des Online-Journalismus 2015. Der Schwabe mit türkischen Wurzeln ist Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Aexea GmbH in Stuttgart. Begonnen mit der Konzipierung von Onlinetexten für verschiedene Unternehmen folgte 2009 der Clou: Er entwickelte einen Roboterjournalisten namens AX Semantics, der in der Lage ist, eigenständig Texte zu schreiben.

Aus Daten werden Geschichten

Vor unserem geistigen Auge erscheint ein skurriles Bild: Der neue Kollege in der Redaktion, am Schreibtisch sitzend. Mit quadratischem Kopf und Metallfingern, die pausenlos in die Tastatur hauen. Er ist fleißig. Abgelenkt, hungrig oder müde ist er nie.

Tatsächlich ist der Roboter aber nichts anderes als eine Software, die durch Algorithmen vollautomatisch Texte generiert. Um alle notwendigen Informationen zu einem Thema zu bekommen, kann die Software auf eine Vielzahl von Datenbanken zugreifen. Die Daten liegen entweder als Rohdaten oder in Form von Diagrammen, Tabellen und anderen Datensammlungen vor. Anschließend strukturiert die Software die gesammelten Daten und ermittelt ihre Bedeutung. In einem softwareeigenen Regelwerk sind Worte, Phrasen und Grammatik hinterlegt, die in einen zusammenhängenden Fließtext umgewandelt werden.

Bleibt dabei der sprachliche Ausdruck der Textmaschine völlig unberücksichtigt? Nein, denn die Software lernt nie aus. Journalisten und Computerlinguisten füttern sie ständig mit neuem Basismaterial wie Synonymen, Redewendungen und Metaphern. Ob umgangssprachlich oder sachlich, Schreibstil und Syntax können auf diese Weise individuell an die jeweilige Zielgruppe angepasst werden.

Anfangs war die Entwicklung der Software sehr aufwändig. Für jede Textform musste eine spezifische Software geschrieben werden. Mit ATML3 (Automated Text Markup Language) hat Aexea im vergangen Jahr als erstes Unternehmen weltweit eine Programmiersprache für Kunden freigegeben. Sie ermöglicht dem Anwender seine inhaltlichen und sprachlichen Anforderungen ohne IT-Kenntnisse selbst zu konfigurieren.

Was die Software leistet

Der Grund, weshalb Aexea heute Textsoftware verkauft, ist rein wirtschaftlicher Natur. Die Herausforderung im PR-Bereich war hoch, Konkurrenten boten Onlinetexte deutlich billiger an. Gleichzeitig fragten Medienunternehmen immer mehr Texte nach. Daher musste eine Lösung her Texte kostengünstig, schnell und in großen Mengen zu produzieren. Automatisierung lautete der nächste Schritt, den außer Aexea auch andere Unternehmen in Deutschland gegangen sind.

Der Berliner Technologiedienstleister Retresco GmbH verkauft seine Software rtr textengine. Auch die textOmatic AG aus Dortmund lässt ihren Textcomposer automatisch Texte schreiben. Wer aber ist die Kundschaft der deutschen Global Player, die hier mit Texten versorgt werden will? Hauptsächlich sind es Redaktionen, die damit Nischen wie unterklassigen Sportberichten, Wetter- und Verkehrsmeldungen, Geschäftsberichte und Börsenticker abdecken. Der Sportinformationsdienst SID, die Nachrichtenagentur dpa AFX GmbH, die Berliner Morgenpost und das Hamburger Fußballportal Fussifreunde sind heute längst nicht alle Unternehmen, die mit dem Kollegen Roboter zusammenarbeiten. Und das hat seine Gründe. Faktenorientierte Texte stehen in Sekundenschnelle zur Verfügung, qualitativ nicht unterscheidbar von dem was menschliche Journalisten leisten. 90 Millionen Texte täglich könnte die Software von Aexea schreiben, außerdem beherrscht sie 12 Sprachen – das ist ein großer Wettbewerbsvorteil in der Medienbranche. Ein Vorreiter und Marktführer der automatischen Textgenerierung ist der Computer-Algorithmus Quill des amerikanischen Unternehmens Narrative Science. Seine Hauptzielgruppen sind die CIA und Finanzmärkte. Für Forbes schreibt Quill beispielsweise Interpretationen von Betriebsergebnissen individuell auf kleine Zielgruppen zugeschnitten.

Foto: Pixabay, CC0 Public Domain, https://pixabay.com/de/computer-pc-cartoon-tastatur-144980/

Immer geht es darum Nischen zu bedienen und faktenbasierte Inhalte zu erschließen, die bisher kaum oder gar nicht berücksichtigt wurden. Darüber hinaus können Textmaschinen Informationen sogar auf jeden einzelnen Leser persönlich maßschneidern. Wetter- und Staumeldungen sind auf den Wohnort des Nutzers abgestimmt, Sportberichte auf seinen Lieblingssportverein. Die Personalisierung und damit einhergehende „Customer Experience“ führt dazu, dass die Maschinen auf Onlineportalen dieselben Inhalte automatisch je nach Leserneigung neu aufbereiten können.

Ethik im Brennpunkt

Viele Zeitungen und Verlage sind beunruhigt. Die Tatsache, dass generierte Texte genauso gut oder schlecht sein können wie handgeschriebene, zwingt die Medienbranche, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wird die Einführung des Roboterjournalismus menschliche Arbeitsplätze kosten? Softwareunternehmen verneinen dies ganz klar. Im Gegenteil, dadurch, dass Nachrichtenmeldungen aller Art an die Textmaschinen delegiert werden können, bliebe den überlasteten Journalisten mehr Freiraum für Wichtigeres. Denn humorvolle Glossen, emotionale Reportagen, politische Kommentare und Meinungen sind das, was die Algorithmen nicht zustande bringen würden.

Hans-Jürgen Jakobs, ehemaliger Chefredakteur vom Handelsblatt führt dazu aus: „Der Journalismus lebt von der Zäsur, von dem Bruch, ja es auch ganz anders zu machen. Er lebt von dem, auch von den gedanklichen Exzessen, wenn sie so wollen. Und das alles ist dieser berechenbaren Welt fremd.“ Der „Blick hinter die Fassade“ bleibt also (vorerst) das Privileg menschlicher Fähigkeiten.

Dennoch tun sich an einigen Stellen Problemfelder auf, die mit ethischen sowie rechtlichen Fragen einhergehen. Wer ist der Urheber eines automatisch generierten Textes und wer kontrolliert ihn? Müssen Leser darüber informiert werden, wenn Texte von einer Maschine geschrieben wurden? Wenn Maschinen Fußballberichte schreiben können, sind sie dann nicht auch in der Lage, gefälschte Produkttests zu verfassen? Ist der Roboterjournalismus nicht längst im Alltag angekommen, wenn Facebook Algorithmen entscheiden lässt, welche Beiträge auf unserer Startseite erscheinen und welche nicht?

Für Medienunternehmen, die in Zeiten sinkender Auflagen auf effiziente Weise qualitativ hochwertige Texte produzieren wollen, wird der Roboterjournalismus unausweichlich sein.
Doch nicht außer Acht zu lassen ist das Risiko, beliebig zu werden, sich inhaltlich und stilistisch kaum mehr von den Wettbewerbern zu unterscheiden und dadurch das Vertrauen der Leserschaft einzubüßen. Für Medienmacher wie Mediennutzer ist es notwendig, sich mit den Folgen dieser Entwicklungen auf allen Ebenen intensiv zu befassen.

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