„Würde Satire was verändern, wär‘ sie verboten“

Satire ist mitunter Geschmackssache, wie sich in den Diskussionen in einer Lehrveranstaltung rasch herausstellte. Daher wurde der Satire-Blogger Stefan Köstlinger über die Ziele und Grenzen von Satire interviewt.

Herr Köstlinger, von meinen Kommilitonen wird Satire wie folgt beschrieben:

  • lustig
  • sarkastisch
  • unterhaltsam
  • aggressiv
  • kritisch
  • notwendig

Können Sie diese Aussagen bestätigen?

Stefan Köstlinger: Ich kann alle diese Worte bestätigen, die dort stehen. Es hängt aber auch ganz klar von der Art und Weise ab, wie Satire gemacht ist.

Ist Satire wirklich notwendig?

Stefan Köstlinger:  Notwendig ist Satire immer dann, wenn viele nur in eine Richtung denken. Das heißt, wenn man sagen möchte Bitte versucht selber über ein Thema nachzudenken“, dann ist Satire notwendig. Alles andere in der Satire ist nice to have, unterhaltsam und übertrieben.

Die im Zusammenhang mit Satire meist gestellte Frage ist zurzeit: „Was darf Satire?“. Wie sehen Sie das, gerne in nur drei Wörtern:

Stefan Köstlinger:  Satire – darf – zu – lang – sein (lacht). Ich finde, dass Satire, was wirklich abgedroschen klingt, alles darf – allerdings mit Einschränkungen, das heißt, dass nur gut gemachte Satire alles darf. Wenn es schlecht gemacht ist, nur dreist und beleidigend, dann darf Satire nicht alles. Ein Beispiel: Darf Satire sich über Kindesmissbrauch lustig machen? Eines der härtesten Themen, das man sich vorstellen kann. Hier kann beziehungsweise sollte man sich als guter Satiriker nicht über die Tat an sich lustig machen, aber beispielsweise über den Rahmen der Strafe. Man bekommt zum Beispiel für einen Diebstahl eines Autos dieselbe Strafe wie für den Missbrauch eines Kindes. Darüber darf man sich lustig machen, aber nicht über die Tat an sich! Was für mich gute Satire ausmacht, ist erstens Leicht neben der Spur“- sein, was so viel heißt wie, Satire sollte immer neben der echten Tat und Aussage stehen, damit man der Welt zeigt, hier passt was nicht, hier läuft etwas falsch. Das zweite, was Satire machen sollte, ist, Sachen zu Ende denken.

Satire lebt davon, sich über die gesellschaftlichen Probleme „lustig“ zu machen. Dient dies irgendeinem Ziel?

Stefan Köstlinger: Das hängt von der Art der Satire ab. Je populärer Satire ist, umso mehr ist das Ziel Unterhaltung. Da mein Satire-Blog etwas kleiner ist, kann ich andere Ziele verfolgen. Immanuel Kant hat zum Thema Aufklärung mal den Satz wir sind selber schuld an unserer Unmündigkeit“ gesagt. Der, der aber selbst nachdenkt, ist nicht unmündig. Satire sollte jeden an den Punkt führen, dass er nachdenkt. Das ist mein Ziel von Satire. Wenn man es hinbekommt, jemand dabei noch zum Lachen zu bringen – umso besser.

3,43 Millionen Zuschauer, 14,4 Prozent Marktanteil – das sind die Zahlen zu Deutschlands erfolgreichster Satiresendung – der heute-show“. Warum findet die Sendung, die um 22:30 Uhr ausgestrahlt wird und mit Spielfilmen und Blockbustern konkurrieren muss, einen solchen Anklang am Freitagabend?

Stefan Köstlinger: Die heute-show“ hat vor allem diesen großen Erfolg, weil sie Humor in ganz einfache Inhalte verpackt. Die heute-show“ ist die Bild-Zeitung der Satiresendungen. Das ist nicht negativ gemeint, sie ist leicht bekömmlich, kann leicht verstanden werden, man braucht keine Vorkenntnisse und man bekommt die Pointen relativ schön serviert mit Bildern, die hinter dem Moderator angezeigt werden. Es wird generell viel mit Bildern gearbeitet. Das sind alles Gründe, warum die heute-show“ so einen Erfolg hat. Dieses Prinzip steht genau so hinter der Bild-Zeitung. Ich persönlich muss jedoch sagen, dass die heute-show“ bei mir an Glaubwürdigkeit verloren hat. In einer Rede von Herrn Gauck, dem deutschen Bundespräsidenten, über Banken sagte er, dass die Menschen so dumm wären, ihr Geld dort anzulegen. Auf diese Szene hat sich die heute-show“ gestürzt und das Ganze völlig aus dem Zusammenhang gerissen, wie er es nie gemeint hat. Das Ganze ist schade, da ich die leichte und gut gemachte Satire davor echt gut fand.

Wie ist der Erfolg des größten deutschen Satiremagazins, dem Postillon, erklärbar? Hier haben wir im Gegensatz zur heute-show“ einen sehr viel höheren Anspruch an den Rezipienten. Warum findet dies trotzdem einen so großen Anklang?

Stefan Köstlinger: Bei mir an der Uni haben alle den Postillon gekannt. Man konnte ihn immer und überall konsumieren. Natürlich war für die Verbreitung der Artikel Facebook ziemlich wichtig. Auf Youtube konnte man selbstverständlich auch die heute-show“ anschauen, aber es war eher unüblich, sich eine Sendung von 35 Minuten einfach mal so anzuschauen – und damals liefen noch nicht alle mit Kopfhörern und dem Smartphone vor der Nase herum. Einen Artikel kann ich immer mal schnell lesen.

Der Postillon ist vor allem aber sehr erfolgreich, weil er der Erste war, der es wirklich gut gemacht hat. Es gab zwar die Titanic, auch ein Satiremagazin, die in ihrer Printversion ihre Leser hat, aber online einfach nicht gut gemacht ist. Der Postillon macht das grandios gut. Er schreibt kurz, ist immer aktuell, betreibt eine sehr gute Leserpflege und er setzt – das ist natürlich das Wichtigste – Pointen unheimlich gut. Ich brauche manchmal für einen Artikel zwei bis drei Tage zum Verfassen. Der Postillon braucht für einen Beitrag zwei bis drei Stunden, dadurch ist er immer unglaublich aktuell.

Der Chefredakteur des Postillon bezeichnet sich selber in einem Interview mit dem Cicero als politisch „links“. Würden Sie sich selber auch als links“ bezeichnen? Anders formuliert: Glauben Sie, dass Satiriker nicht politisch konservativ sein dürfen?

Stefan  Köstlinger: Die Rechten liefern schneller satirisches Material, darum ist es als Linker leichter Satire zu machen. Das liegt daran, dass sich der allgemeine Moralkonsens aktuell eher gegen Rechts richtet als gegen Links. Dies ist eine Art Wertewandel, aber vor allem ein Moralwandel. Ich selber bin eher links.

Bei uns in Deutschland und Österreich ist es ganz schwierig, Rechtsintellektuelle zuzulassen. In anderen Länder wie zum Beispiel den USA gibt es rechte Satire – das geht. Es gibt auch Rechtsintellektuelle, mit denen man wirklich gemeinsam lachen kann über die Vormundschaft, die die Linken versuchen zu betreiben. Die haben sehr harte Ansichten – keine Frage – aber sowas funktioniert bei uns nicht. Die Leute würden einem sofort über das Maul fahren“.

Die Orsons singen in ihrem Song Ventilator“: immer reden aber Hauptsache nichts tun“. Trifft das auch auf Satire zu?

Stefan Köstlinger: Hundertprozentig – gar keine Frage! Würde Satire was verändern, wär sie verboten. Der Mensch lacht gerne, warum soll er also daran was ändern, wenn es ihm gefällt. Warum sollen wir auch unsere Gesellschaft verändern, wo wir doch alle im Grunde sehr gut damit leben.


 © "privat"
© „privat“

Stefan Köstlinger ist freier Journalist und Autor in Salzburg. Seit 2014 betreibt er einen Blog, in dem er monatlich satirische Beiträge verfasst.

 

Ein Interview von Alexander Danner (MUK0915)

 

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