Self-Tracking: Jedermann ist ein digitaler Selbstvermesser

„Wie viele Schritte muss ich denn heute noch gehen?“ Self-Tracking ist eine neue digitale Technik, bei der diverse Körperdaten gemessen werden. Bei jeder Aktivität protokollieren die kleinen Helfer Fakten über den eigenen Körper. Die Devise lautet: Selbsterkenntnis durch Zahlen.

Montagmorgen, 6.30 Uhr – Bei normalen Menschen würde jetzt der Wecker klingeln, aber hier vibriert nur das Handgelenk. Aber das ist nichts Neues. Die Home-Taste am Sensor eines kleinen Armbandes wird gedrückt und es werden erst einmal Daten mit einer App synchronisiert. Wozu das Ganze? In diesem Fall handelt es sich um einen Self-Tracker. Genauer gesagt um einen digitalen Selbstvermesser, jemand, der seinen Körper verwissenschaftlicht. Dabei trägt er Tag und Nacht ein Fitnessarmband am Handgelenk, womit sämtliche Schritte, verbrauchte Kalorien, die Herzfrequenz und Schlafphasen aufgezeichnet werden. Alles, auch was er isst oder trinkt, wird in einer Gesundheits-App abgespeichert. Der ganze Alltag wird anhand von Statistiken und Grafiken dokumentiert und ausgewertet. Self-Tracker sind Menschen, die das alles bewusst tun und aus voller Begeisterung. Klingt verrückt? Vorsicht, vielleicht sind Sie selbst ein digitaler Selbstvermesser!

Self Tracking: Was ist das überhaupt?

Eine neue digitale Technik liefert Informationen über verschiedene Körperwerte, Fitnessdaten oder die Ernährung. Self-Tracking heißt diese Methode, bei der immer mehr Menschen mit kleinen Sensoren, Fitnessarmbändern und Apps ihren eigenen Körper vermessen. Self-Tracker (=Selbstvermesser) sammeln sämtliche Daten über ihren Körper, welche gespeichert und in Statistiken ausgewertet werden. Die Ergebnisse werden anschließend auf Social Media geteilt oder in Online-Foren diskutiert. Es ist faszinierend, was diese kleinen technischen Innovationen alles können. Die Spanne der ausgewerteten Daten geht von Puls- und Blutdruckmessern über Diät- und Training-Apps bis hin zu Strecken- und Kalorienzählern. Dabei können nicht nur diese Gesundheitsparameter, sondern auch die Lesezeit, Schlaf- und Aufwachphasen, Gewohnheiten oder das Wohlbefinden gemessen werden. Besonders skurril wird es, sobald Menschen beginnen ihr Sexleben aufzuzeichnen oder wenn eine Kuh mit einem Schrittzähler ausgestattet wird. Fast jeder Smartphonebesitzer hat mittlerweile eine dieser Fitness- oder Gesundheits-Apps auf dem Handy installiert. Die neue Technik Self-Tracking liegt voll im Trend. Mediensoziologe Gerrit Fröhlich von der Universität Trier meint allerdings:

„Im Grunde genommen ist das alles nichts Neues und gibt es schon seit über 2000 Jahren. In der römisch griechischen Antike gab es Briefwechsel zwischen einzelnen Personen, die niedergeschrieben haben, was sie gegessen haben. Ebenso fand man Tagebücher mit Aufzeichnungen über die zurückgelegte Strecke und die Ernährungsweise.“

Die Datenerfassung gibt es also schon seit sehr langer Zeit. Neu ist lediglich das Digitale und die damit verbundenen technologischen Innovationen und Möglichkeiten. Hersteller wie Jawbone oder Polar entwickeln ständig neue Produkte. Die Geräte und Apps werden so immer innovativer und bieten detailliertere Auswertungen. In naher Zukunft sollen die technischen Geräte und Sensoren sogar bis unter die Haut gehen.

Self Tracking ist Motivation

17.959 Schritte, 13,2 zurückgelegte Kilometer und 2.294 verbrannte Kalorien. Heute ist ein guter Tag. 167 Prozent! Das Fitnessarmband leuchtet hell auf und plötzlich erscheint:„Großartig! Du bist ein Held! So viel Aktivität und Training an einem Tag! Du wirst den Nutzen für deinen Körper spüren.“ Schön, so ein kleines Lob zu hören, das motiviert. Viele Menschen sehen Self-Tracking als Motivation, um ein gesünderes und sportlicheres Leben zu führen. Fraglich ist indes, ob diese Methode langfristig funktionieren kann. Personal Trainer Daniel Pilarski meint: „Self-Tracking ist sicherlich eine gute Sache, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viele Schritte gelaufen werden oder wie viele Kalorien dabei verbrannt werden. Kurzfristig können diese Fitnessarmbänder oder Apps sehr gut sein und auch motivieren. Langfristig sind sie häufig demotivierend und bringen negativen Stress.“ Für Klienten, die keinen Trainingserfolg erzielen, würde der Personal Trainer diese Aktivitätstracker empfehlen. Einerseits, um die Motivation hoch zu halten, und anderseits, um die Personen leistungsfähiger zu machen. Spielerische Anreize sollen dabei helfen, das Verhalten von Personen zu verbessern. Zu langes Sitzen auf dem Schreibtischstuhl gibt es nicht mehr, da der Aktivitätstracker vibriert und auffordert: „Zeit für Bewegung!“ Keine Sekunde wird gezögert und der Armbandträger bewegt sich.

© Foto: Jasmin Steimle

Mediensoziologe Gerrit Fröhlich bestätigt: „Man nimmt beim Self-Tracking vor allem gute Gewohnheiten und Abläufe mit.“ Durch Self-Tracking können Verhaltensweisen des Menschen durch Anreize verändert werden. Negative Angewohnheiten können verbessert werden und ein Lernprozess kann Personen zu mehr Bewegung und gesünderen Essgewohnheiten verhelfen. So ein Aktivitätstracker ist zwar klein, aber kann dafür eine umso größere Wirkung haben. Die neue technische Innovation steckt voller Spielereien und kann beim Benutzer große Begeisterung auslösen. „Ich persönlich finde die Armbänder ganz toll, ich trage selbst eines. Es bietet so viele Tipps und Tricks um gesünder zu leben. Jeden Morgen muss ich erst mal synchronisieren“, schwärmt Andrea Frank, Mitarbeiterin von Jawbone. Für Sportpsychologin Katharina Hartmann ist es ein schönes Spielzeug und kann zur Orientierung dienen. Sehr wichtig ist das faktische Feedback der Armbänder oder Sensoren, wie verbrauchte Kalorien oder zurückgelegte Strecke. Die geleistete Arbeit als Feedback gibt dem Nutzer motivationale Reize und kann ihn sehr ermutigen.

Self–Tracker und ihre Motive

Für viele unklar ist, warum Menschen sich das mit der Selbstvermessung überhaupt antun. Mediensoziologe Gerrit Fröhlich von der Universität in Trier meint: „Da gibt es so viele unterschiedliche Gründe, wie es Personen gibt.“ In den verschiedenen Online-Foren und auf Social Media gibt es Menschen, die abnehmen oder ihre Ernährung umstellen wollen. Es gibt auch Menschen, die Muskelmasse aufbauen wollen, ihr Gewicht halten oder ihr Stresslevel reduzieren wollen. Manche chronisch Kranke versuchen mithilfe der Daten und Fakten gar ihre Krankheiten zu bekämpfen und helfen ihrem Arzt daher mit exakten Daten. Ebenso gibt es auch Personen, die einfach nur experimentieren und zum „kleinen Wissenschaftler“ werden wollen. Beim Self-Tracking  gibt es also sehr viele verschiedene Facetten von Nutzungsmustern, wie Gerrit Fröhlich sagt. Sportpsychologin Katharina Hartmann meint: „Der Mensch hat von Natur aus das Bedürfnis sich einzuordnen. Es ist ein Grundbedürfnis zu wissen, wo stehe ich im Vergleich zu anderen oder zu mir selbst? Wer bin ich eigentlich?“ Ein wichtiges Ziel der Self-Tracker ist die Selbstoptimierung. Wenn Menschen ihr Verhalten kennen, können sie es ändern und sich zu dem Menschen entwickeln, der sie sein wollen. Der Mediensoziologe Fröhlich behauptet: „Das Problem heutzutage ist: Die Wissenschaft produziert kein eindeutiges Wissen mehr. Es gibt nichts einzig Richtiges!“ Mithilfe der digitalen Selbstvermessung wollen die Personen diese komplexe Welt daher vereinfachen. Alle wichtigen Körperfunktionen und Gesundheitsaspekte können überwacht werden. Self-Tracker bekommen dadurch das Gefühl, eine gewisse Kontrolle über ihr Leben zu haben. Die Informationen werden über einen längeren Zeitraum hinaus gesammelt, um bestimmte Angewohnheiten der Nutzer zu erkennen. So können schlechte Gewohnheiten abgestellt werden und eine Selbstoptimierung findet statt. Dahinter steht der Wunsch, die eigene Leistungsfähigkeit zu verbessern, um gesund und fit zu leben. Hinter dem Self-Tracking stecken somit drei wichtige Motive: Gesundheit, Fitness und auch Spielerei.

Self-Tracking und der Austausch auf Social Media oder in Online-Foren

Wenn am Abend das Fitnessarmband mit einer App synchronisiert wird, sind ebenso die Ergebnisse von anderen Self-Trackern und Freunden zu sehen. Mit nur einem Klick kann das erreichte Tagesziel auf Facebook oder Twitter gepostet werden und man kann sich gezielt mit anderen austauschen. Selbstvermesser wollen sich dadurch mit anderen vergleichen, sich ein Lob abholen oder suchen nach Bestätigung. Durch den Austausch mit Gleichgesinnten auf Social Media oder in Online-Foren wird die Diskussion angekurbelt. Self-Tracking erschafft eine Community, in der sich die verschiedensten Menschen zusammengehörig fühlen. Nach dem Motto „Zusammen kann man alles schaffen“, entsteht eine Motivation, die alleine niemals erreichbar wäre. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Kerngruppe Quantified Self. Das ist ein Netzwerk von Anwendern und Anbietern von Self-Tracking Lösungen. Diese Gemeinschaft tauscht sich regelmäßig auf Meetups aus, um das Wissen über die Nutzung persönlicher Daten zu verbessern. Die Quantified Self Mitglieder gehören zu den Pionieren in diesem Gebiet und reflektieren sich sehr stark online, wie Mediensoziologe Gerrit Fröhlich berichtet. Der Austausch in Online-Foren stellt hier eine sehr wichtige Komponente dar. Der Kerngedanke hierbei ist, dass die Forschungsgruppe sich gegenseitig kritisiert und verbessert. Auch Sportpsychologin Katharina Hartmann ist sich sicher, dass der Mensch das Bedürfnis nach sozialem Austausch hat. „Das ist ein Grundbedürfnis, der Mensch ist nun mal ein geselliges Wesen. Wenn ein Freund etwas erreicht, ist der Ansporn viel größer. Durch Social Media wollen Self-Tracker sich mit anderen vergleichen, Bewunderung ernten, sich einfach einen Schulterklopfer abholen“, sagt die Sportpsychologin.

Self-Tracking und die Gefahren

Sportpsychologin Katharina Hartmann meint jedoch auch: „Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir Menschen wirklich so gläsern sein wollen?“ Wer die Daten ohne Not preisgibt, riskiert seine Privatsphäre. Gerade mit der Herausgabe gesundheitlicher Daten sollten Nutzer von Apps vorsichtig sein und aufpassen, was genau die Hersteller damit machen. „Man sollte ihnen nicht blind vertrauen und sich im Klaren sein, wer alles Einblicke in die Daten hat“, warnt Mediensoziologe Gerrit Fröhlich.

„Self-Tracking ist ein zweischneidiges Schwert. Es ist differenziert zu betrachten“, sagt Sportpsychologin Katharina Hartmann.

Einerseits ist es eine gute Sache für die Motivation, aber die eigene Körperwahrnehmung darf dabei nicht in den Hintergrund gestellt werden. Es wird gefährlich, sobald sich Self-Tracker nur noch über die ausgewerteten Zahlen und Fakten definieren. Sportpsychologin Katharina Hartmann warnt vor dem Verlust des Körpergefühls und der eigenen Körperwahrnehmung. Die eigene Wahrnehmung ist viel wichtiger als das Faktische. Herr Fröhlich meint: „Als Soziologe sage ich, dass einige Dinge beachtet werden müssen, damit man nicht in die Falle tappt. Self-Tracking sollte auf keinen Fall eine Verpflichtung sein, sondern ausschließlich freiwillig betrieben werden.“ Apps und Armbänder sollten ergänzend zum eigenen Körpergefühl verwendet werden. Doch könnte Self-Tracking zu einem Zwang werden? „Sehr wichtig ist zu erwähnen, dass Mediennutzer keine Opfer dieser technischen Geräte und Apps sind. Es handelt sich hier lediglich um einen Aushandlungsprozess. Jeder Nutzer merkt für sich selbst, wenn es ihm zu bunt wird“, behauptet Mediensoziologe Gerrit Fröhlich. Damit besteht keine Gefahr, dass Self-Tracking zum Zwang führen könnte. Die Personen können jederzeit für sich selbst entscheiden, inwieweit das Self-Tracking ihr eigenes Leben oder den Tagesablauf bestimmt.

Ist Self-Tracking nur ein Trend?

Offen ist, wie sich das Self-Tracking weiter entwickeln wird. Niemand kann in die Kristallkugel schauen, aber die Wissenschaft entwickelt sich auf diesem Gebiet immer weiter. Eine neue Zahnbürste sammelt statistische Informationen der Putzergebnisse, die intelligente Trinkflasche Seed misst die tägliche Flüssigkeitsaufnahme und es gibt eine neue Elektronik, die bis unter die Haut geht und direkt neben dem menschlichen Herz implantiert werden soll. Fakt ist: Unser Dasein wird stets mit allerlei kuriosen technischen Geräten und Sensoren konfrontiert. Self-Tracking hat sehr gute Chancen, sich weiterhin in der Gesellschaft zu etablieren.

Das Spektrum der digitalen Selbstvermessung ist sehr vielfältig und reicht vom Normalbürger, der nur seine Schritte zählt, bis hin zum Wissenschaftler, der die Psyche des Menschen analysiert. Schon durch den morgendlichen Gang auf die digitale Waage, ist man auf eine gewisse Art und Weise ein Self-Tracker. Sie wollen mir nicht glauben? Dann schauen Sie jetzt bitte in ihr Smartphone. Wenn Sie die Gesundheitsapp Health oder einen anderen Schrittzähler darauf finden, sollte Ihnen spätestens jetzt bewusst werden, dass Sie selbst ein digitaler Selbstvermesser sind. Offensichtlich ist fast jedermann ein digitaler Selbstvermesser.

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