SOKO Stuttgart: Ein Drehtag für fünf Minuten Film

Ein Blick hinter die Kulissen

Mit dem Fund einer Leiche beginnen meistens die Folgen der beliebten Krimiserie SOKO Stuttgart. Damit Martina Seiffert und ihre Kollegen jeden Donnerstag um 18 Uhr im ZDF ermitteln können, ist viel Aufwand nötig. Die Zuschauer daheim vor dem Bildschirm sehen das nicht. Was hinter den Kulissen passiert, macht ein Drehtag am Set der SOKO Stuttgart deutlich.

Stuttgart – Zwielicht fällt durch die verstauben Fenster in die alte Werkstatt. Zangen, Sägen und andere Handwerkzeuge hängen an den Wänden. Dazwischen Körperteile: Arme, Beine, Finger und Kinderköpfe. Viele Kinderköpfe. In der Mitte des Raumes ein umgekippter Stuhl. Blut auf dem Boden. Ein abgetrennter Finger liegt mitten in der Blutlache. Der Finger sieht echt aus, echter als die anderen Körperteile im Raum. Er gehört dem Puppenmacher, der tot auf an dem umgestürzten Stuhl liegt. Aber auch dieser Finger ist nicht echt und der Puppenmacher atmet bei genauem Hinsehen noch. „Please, nicht atmen, Kamera läuft“, ruft der Regisseur.

Es ist Donnerstagmorgen und der erste Drehtag der Krimiserie SOKO Stuttgart am aufwendigen Set der Puppenklinik beginnt. In einem Hinterhof der alten Stuttgarter Weinsteige proben Astrid Fünderich alias Martina Seiffert und Karl Kranzkowski alias Michael Kaiser die erste Szene. Noch steigen kleine Atemwolken auf und die Schauspieler sind in Wärmemäntel gepackt. Der Kameramann und sein Assistent folgen jeder Bewegung der Schauspieler und suchen dabei nach dem perfekten Kamerabild. Der Regisseur schaut sich das Ergebnis auf seinem Monitor an und nimmt ein paar Verbesserungen vor. Dann werden den Schauspielern die Wärmemäntel abgenommen und zwei Damen von der Maske pudern noch schnell die roten Nasen in den kalten Gesichtern nach. Über 40 Leute im Hintergrund werden still, als der wichtigste Satz am Set fällt: „Und bitte!“

Das Schauspiel beginnt vor dem Dreh

Hinter einem Flatterband am Rand des Hofes stehen gut ein Dutzend Komparsen. Sie bekommen Mindestlohn, aber deswegen sind sie nicht hier: Neugierig verfolgen sie die Dreharbeiten. Für sie beginnt das Schauspiel schon vor dem eigentlichen Dreh. Damit die Schauspieler vor der Kamera spielen können, ist viel Vorbereitung und eine gute Planung notwendig. Da gibt es Personen, die nur in ihr Headset sprechen und delegieren. Und Personen, die Schienen oder Kabel verlegen und riesige Scheinwerfer montieren. Andere Menschen bringen Essen oder verändern letzte Dinge am Set-Design. Die ersten Schauspieler laufen durch das Set und bereiten sich – ihren Text murmelnd – auf die bevorstehenden Szenen vor. Sie waren bereits in der Maske und fallen durch ihre stark geschminkten Gesichter auf.

Viele der Komparsen sind eingefleischte Fans der SOKO Stuttgart und kennen die Schauspieler. Andere haben persönliche Gründe als Komparse am Dreh zu sein. So ein älterer Herr mit freundlichem Gesicht: Er ist Kommissar bei der Polizei in Stuttgart – und im Film trägt er gerne auch mal die Uniform.

Arbeiten in den Drehpausen, Warten während des Takes

Mit der ersten geschlagenen Klappe endet das geschäftige Treiben. Jetzt gehört den Schauspielern die Bühne: Jede Szene spielen sie mehrmals, damit das Kamerateam aus verschiedenen Perspektiven das Geschehen filmen kann. Die Bewegungen der Schauspieler und der Text sind dabei immer bemerkenswert gleich. Der Kameramann folgt den Schauspielern und wird dabei von seinem Assistenten geführt, um nirgendwo anzustoßen. So kann er sich auf das Bild konzentrieren. Direkt am Geschehen ist auch der Tonmann. Mit einem langen Mikrophon „angelt“ er nach dem perfekten Ton. Die Kunst dabei ist: Möglichst nah dran zu sein, ohne in das Bild zu geraten. Der Rest der Crew bleibt im Hintergrund und wartet, bis der Regisseur sein erlösendes „Cut, danke!“ ruft.

Die Pausen und die Arbeit der Crew wechseln mit den Pausen und der Arbeit der Schauspieler ab. Kurz vor dem Mittag wird noch eine längere Szene ohne Zwischenschnitt gedreht, eine sogenannte Plansequenz. Das dauert, und viele in der Crew sind genervt und äußern ihren Unmut: „ Die Szene wird sowieso fünf Mal unterschnitten, warum der ganze Aufwand, es in einer Szene zu drehen?“ Aber das letzte Wort hat der Regisseur – er ist verantwortlich für das Ergebnis, und wenn er eine Szene am Stück drehen möchte, dann wird das so gemacht.

Als die Szene abgedreht ist, geht ein Seufzer der Erleichterung durch die wartende Crew. Mit etwas Verspätung gehen alle in die Mittagspause.

Alle Fotos © Moritz Brucker, Soko Stuttgart

In der Werbung ist mehr verdient

Kaum Pausen beim Dreh haben der Regisseur und der Kameramann. Damit der Kameramann gut arbeiten kann, braucht er Assistenten, die ihm die Kamera einstellen, ihm beim Filmen helfen und in den Pausen die schwere Kamera abnehmen. Ein wichtiger, aber harter Job: „Gerade wiegt die Kamera rund 15 Kilo, aber es ist auch nicht viel dran. Sie kann schon mal bis zu 50 Kilo wiegen, wenn da noch zum Beispiel der große Zoom drauf ist“, erklärt der Kammerassistent. Er ist Freiberufler und wie die meisten am Set noch jünger. Seine Jobs muss er sich immer wieder neu suchen: „Nach dem Dreh hier hab ich für zwei Tage einen Job beim Daimler. In der Werbung gibt’s viel mehr Geld.“

Enger Zeitplan und Facebook Auftritt

Um die Episoden rechtzeitig fertig zu stellen, gibt es einen engen Zeitplan für jeden Drehtag. Alles ist durchgeplant. Dennoch passieren oft unvorhersehbare Dinge, die den Drehalltag erschweren. Einen normalen Tag gibt es eigentlich nicht beim Film: „Jeder Tag ist hier ein Ausnahmezustand“, erklärt der Redakteur Moritz Brucker leise, als die Kamera eine Szene nicht so einfangen konnte wie erwünscht. „Es gibt viele Faktoren, die den Dreh verzögern können, die wir nicht einplanen können, und wenn es nur das Glockenleuten einer nahe gelegenen Kirche ist.“ So kommt es, dass an manchen Drehtagen bis in die Nacht gearbeitet wird. Selten endet ein Drehtag unter zehn Stunden.

Und Moritz Brucker muss es wissen: Seit drei Staffeln ist er schon am Set und im Büro der SOKO Stuttgart tätig. Seine Aufgabe ist unter anderem, die sozialen Kanäle von SOKO Stuttgart zu betreuen. Er war schon bei vielen Drehs dabei und kennt die Welt hinter der Kamera. „Das macht Spaß, ich kenne alle Produktionsabschnitte, bin beim Dreh nah dran und kann trotzdem eigenständig arbeiten“, beschreibt er seinen Job, der noch neu ist in der klassischen Filmbranche und bei manchen vielleicht auch noch nicht ganz angekommen: „Nicht alle Serien haben einen eigenen Social Media Auftritt und ermöglichen den Fans einen derartigen Blick hinter die Kulissen. Das ist hier bei der Soko Stuttgart schon was Besonderes.“

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Posted by Soko Stuttgart on Sonntag, 10. April 2016

Viele arbeiten trotz der langen und anstrengenden Arbeitstage gerne beim Film. Belohnt wird die Mühe durch gute Bezahlung, gutes Catering und Ereignisse, die nicht jeder erleben darf. „Für den abgeschnittenen Finger habe ich bestimmt drei Tage gebraucht. Erst musste ich einen Abdruck von dem Schauspieler der Leiche nehmen“, erklärt die Maskenbildnerin nicht ganz ohne Stolz.

Was am Ende vom Drehtag übrig bleibt sind circa fünf Minuten fertiger Film und die Erkenntnis, dass beim Film nicht alles Glamour ist. Die Schauspieler und die Crew der Produktion sind ganz normale Menschen, die ihren Job machen. Statt rotem Teppich gibt es bei der Soko Stuttgart hellblaue Dixi-Klos. Statt Fanrufe gibt es Zurechtweisungen vom Regisseur. Dennoch ist die Stimmung beim Film gut: Alle arbeiten an einem Projekt, an einem Ergebnis. Das schweißt zusammen und wenn das Ergebnis die Zuschauer überzeugt hat, sind alle zufrieden. Dann wird die nächste Staffel geplant, die Arbeitsplätze sind gesichert, und das Spannendste am Film beginnt von vorne: die Drehtage.

Eine Reportage von Michael Nagler (MuK1013)

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