Interview mit Flüchtlingen aus Syrien

Mitte Februar waren im Masterstudiengang „Media Management & Public Communication“ zwei besondere Referenten zu Gast. Die sich in der Hochschule Calw in einem Praktikum befindlichen syrischen Flüchtlinge Samir Samra aus Latakia und Thaar Altalaa aus Damaskus stellten ihre Heimat vor und gaben Einblick in ihre Wahrnehmung kultureller Unterschiede zwischen Deutschland und Syrien.

Vorher gaben die Beiden für die Calwer Notizen ein Interview. Nachfolgend wird dieses in zusammengefasster Form wiedergegeben:

Samir, Thaar, wo habt Ihr bis jetzt die größten Unterschiede zwischen Deutschland und Syrien feststellen können?

Samir Samra: Also ein großer Unterschied ist schon der Familienzusammenhalt. In Syrien ist es üblich, dass man sich sehr oft sieht, gemeinsam mit der Verwandtschaft sehr viel unternimmt und den Kontakt hält. In Deutschland ist das eher lose, vielleicht auch, weil die eher jungen Menschen erst einmal von den Eltern weit weg ziehen. In Syrien bleibt man in der Regel in der Heimatstadt.

Thaar Altalaa: Das ist in der Tat ein Unterschied. Selbst in Damaskus bleibt man in der Regel in der Stadt.

Gibt es Unterschiede im Temperament zwischen Deutschland und Syrien?

Samir Samra: Ja. Natürlich. Wir Araber sind einfach heißblütiger, regen uns schneller über etwas auf, wollen auch viel schneller Resultate sehen. Hier sind die meisten Leute sehr ruhig. Manchmal wirkt das auf uns auch ein bisschen kalt oder emotionslos.

Thaar Altalaa: Nee, eigentlich sehe ich da wenige Unterschiede. Auf der ganzen Welt gibt es Leute, die da so oder und so sind. In der Tendenz gibt es dann aber schon Unterschiede, die auffallen. Hier gibt es nicht so viele soziale Aktivitäten. Meines Erachtens spielt das Wetter dabei eine große Rolle. Hier ist es im Winter sehr kalt, da ist die Interaktion auf der Straße viel geringer. Auch wird es schnell dunkel. Man ist mit der Arbeit fertig und wohin soll man draußen gehen. Auch die Verwurzelung spielt eine Rolle. Hier in Deutschland ziehen die Kinder nach der Jugend weg. Das hat zur Folge, dass soziale Kontakte aus Jugendfreundschaften entfallen, man sieht hier seine Jugendfreunde nur einmal jährlich.

Was ist das Schrecklichste, was Euch während Eurer Zeit in Deutschland widerfahren ist?

Samir Samra: Die Bürokratie. Unter der habe ich wirklich sehr viel gelitten. Eindeutig. Bei der Aufenthaltsgenehmigung: Du musst warten, warten, warten und laufen. Aber das bin ja nicht nur ich. Ich habe den Eindruck, das meiste, was die Leute hier machen, ist Bürokratie. Sie kostet auch die Einheimischen am meisten Zeit.

Thaar Altalaa: Es gibt natürlich keinen platonischen Idealstaat. Ich finde grundsätzlich Deutschland ähnlich wie Japan sehr gut organisiert. Aber natürlich gibt es da einiges, eher im Ergebnis. Etwas was mich stört, ist der eher unfaire Lastenausgleich zwischen Bundesländern, der sicher auch historisch bedingt ist, durch die verschiedenen Besatzungszonen nach dem 2. Weltkrieg. Kritisch ist auch der europäische Lastenausgleich hinsichtlich der Flüchtlinge. Hier hat ebenfalls keine gerechte Aufteilung stattgefunden. Für die Bewältigung der Flüchtlingsströme, die integriert werden müssen, ist das nicht unbedingt förderlich.

Und was ist das Schönste, was Euch begegnet ist?

Samir Samra: Die Menschen. Wie wir hier im Regelfall behandelt werden.

Thaar Altalaa: Zuerst fand ich die Ordentlichkeit hier sehr schön. Aber dann habe ich festgestellt, dass diese nicht überall in Deutschland herrscht. Wenn gebaut wird, dauert es sehr lange, und so bleibt es relativ lange unordentlich. Dann die Pünktlichkeit, so wird hier alles effizient. Die Zeit hat einen großen Wert in einem Menschenleben und so wird sie nicht vergeudet.

Was bedeutet Integration für Euch?

Samir Samra: Ich denke, wenn eine Integration stattfinden soll, dann muss eine Kommunikation stattfinden. Vielfach ist es so, dass ich beobachte, dass wenn wir in der Öffentlichkeit arabisch sprechen, Deutsche unseres Alters einen Bogen um uns machen. Ich kann das einerseits verstehen – schließlich sind wir ein für Deutschland durchaus ungewohntes Bild. Aber um uns zu integrieren, ist es zwingend notwendig, dass wir kommunizieren. Wir müssen Informationen über Deutschland, in Deutschland tolerables Leben aufnehmen, um uns wirklich zu integrieren.

Thaar Altalaa: Man braucht jemand Gleichaltrigen für die Integration. Für mich persönlich ist beispielsweise das Problem, dass ich sicher mehr als die Hälfte meines Wortschatzes von dem Leiter des Asylkreises, Herrn Stricker, gelernt habe. So kenne ich viele Fremdwörter auf Deutsch, Zivilisation und Globalisierung beispielsweise. Aber auch den Wortschatz der Bürokratie, Worte wie z.B. „Bescheid“ kenne ich natürlich sehr gut (lacht). Natürlich interessiert mich das auch, aber es ist etwas komisch, wenn man dann Worte wie Haltestelle erst so viel später lernt. Das passiert dann automatisch, weil man die Worte ja benutzen muss, um sie zu lernen.

Samir Samra: Auch ich habe bis jetzt habe ich vor allem alte Leute kennengelernt, nicht junge. Nachdem ich in Stammheim einmal über meine Flucht erzählte, erinnere ich mich, dass ein Mädchen mich im Bus grüßte. Ich denke, das ist sehr wichtig, denn dann war eine gemeinsame Ebene der Kommunikation da. Wie sollte das auch sonst weitergehen. Die Flüchtlinge sind bereits eineinhalb Jahre hier, sollen die jungen Deutschen immer Angst vor ihnen haben? Das ist doch für beide Seiten keine gute, zukunftsweisende Situation. Ich denke, hier ist viel mehr natürlich entstehende Interaktion notwendig. Wir müssen mehr miteinander kommunizieren, um das zu schaffen.

Wollt ihr denn nach Syrien zurück?

Thaar Altalaa: Ich ja. Nach dem Krieg so schnell wie möglich.

Samir Samra: Nee, ich will nicht zurück. Die Gesellschaft hier ist eine gute Gesellschaft. Hier möchte ich erfolgreich mein Leben aufbauen und mich integrieren.

Habt ihr Heimweh?

Samir Samra: Ja natürlich. Besonders, wenn ich bestimmte Lieder höre, die ich direkt mit meiner Heimatstadt assoziiere.

Thaar: Ja, natürlich. Aber ich bin mir sicher, wenn ich zurückkomme, dass ich eine ganz andere Heimat vorfinde. Viele Leute sind gestorben, die Straßen werden zerstört sein…

Samir, Thaar, vielen Dank für das Gespräch.

Organisation und Gesprächsführung: Prof. Dr. Markus Grottke

Sicherheitshinweis: Bei den Calwer Notizen handelt es sich um ein studentisches Weblog. Falls Ihnen Fehler oder Verstöße auffallen, setzen Sie sich zwecks Behebung bitte mit uns in Verbindung.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*