Twitch: Das neue YouTube?

Gaming ist in der Gesellschaft angekommen, Live-Inhalte werden immer wichtiger. Twitch greift diese Bedürfnisse auf und erobert damit den Markt. Wird YouTube als Plattform dadurch irrelevant?

Er sitzt vor drei Bildschirmen, grelles Licht strahlt ihm aus zwei Softboxen entgegen. Der Countdown tickt langsam herunter – er weiß, gleich warten 400 Zuschauer auf ihn. Der Zähler stoppt bei Null. Alex schaltet seine Kamera ein und präsentiert sein Gesicht: „Hi, na? Mein Name ist JimPanse und wir werden uns heute wieder zusammen die Zeit vertreiben.“ Vor ihm liegen acht Stunden Arbeit, doch das merkt man ihm nicht an. Alex ist selbstständiger Medienproduzent. Er spielt Videospiele und verdient damit, wie tausend Andere auch, sein Geld auf Twitch.

Spätestens nach der Übernahme durch Amazon im Jahr 2014 sollte „Twitch“ Medienkennern ein Begriff sein. Für 970 Millionen US-Dollar übernahm der amerikanische Online-Versandhändler den Live-Streaming-Anbieter und stach damit angeblich den Konkurrenten Google in den Verhandlungen aus. Ob für Privatpersonen im heimischen Wohnzimmer oder millionenschwere Unternehmen auf der anderen Seite des Globus, Twitch bietet die Möglichkeit eigenständig produzierte Livestreams und Videos kostenlos zu veröffentlichen. Besonders erfolgreiche Content Creator (auch „Content-Produzenten“ oder „Streamer“ genannt), wie beispielsweise Alex, werden zusätzlich durch ein Partnerprogramm gefördert.

Videospiele sind Mainsteam

Um nachvollziehen zu können, wie Twitch funktioniert, muss zunächst der Reiz der Materie ergründet werden. Gaming ist seit Jahren kein Nischenthema mehr. Durch Smartphones und Heimkonsolen sind Videospiele in die heimischen Wohnzimmer und somit auch in die Massenkultur eingezogen. Oft ist die Persönlichkeit und Ausstrahlung eines Streamers das, was Zuschauer vor dem Bildschirm fesselt. Ebenso kann es aber auch das Geschick des Streamers im kompetitiven Wettkampf gegen andere Mitspieler sein, was einen Livestream attraktiv macht. Doch Twitch bietet mehr als nur Videospiele. Über die letzten zwei Jahre stellte sich die Plattform immer breiter auf: Von Sängern über Maler und Metallschmiede bis hin zu einem schwedischen Würstchenverkäufer findet auf Twitch eine breite Palette an Live-Unterhaltung ein Zuhause.

Twitch ist führend in Bezug auf jugendfreie Live-Inhalte im Internet mit Schwerpunkt auf Gaming. Besonders deutlich wird dies, wenn man die Konkurrenz betrachtet. Ende 2015 etablierte Google mit „YouTube Gaming“ eine eigene Livestream Plattform für Videospiele. Diese bleibt nun nach mehr als einem Jahr im Markt weit hinter den Aufrufzahlen von Twitch zurück. Auch bei Anbietern wie zum Beispiel „Beam.pro“, welches 2016 von Microsoft übernommen wurde, erreichen die größten Produzenten mit ihren Streams unregelmäßig 1000 Zuschauer. Twitch hingegen überschreitet zu jeder Zeit des Tages diese Grenze mit hunderten Produzenten gleichzeitig. Der im Februar gesetzte Zuschauerrekord eines Südkoreaners, welcher zeitweise über 210.000 Personen live unterhielt, untermauert dies.

„Bei Twitch hast du das Gefühl, du bist live dabei. Dieses Gefühl hatte man bei YouTube vor ein paar Jahren.“

Die Art von Content auf Twitch und YouTube unterscheidet sich grundlegend. Auf Twitch dominieren dynamische Live-Inhalte. Nutzer haben die Möglichkeit, durch einen begleitenden Chat Feedback und Impulse zu senden, welche direkten Einfluss auf die Gestaltung des Contents haben. YouTube hingegen bietet, neben der alternativen Plattform für Gaming-Livestreams, eher statische Videoinhalte, welche Nutzer on-demand abrufen können. Der Vorteil hierbei liegt in der größeren Freiheit bei der Ausarbeitung von vorproduzierten Inhalten. „Bei Twitch hast du das Gefühl, du bist live dabei. Dieses Gefühl hatte man bei YouTube vor ein paar Jahren“, berichtet Alex. Er selbst hat einen beruflichen Hintergrund im E-Commerce, produzierte neben seiner Tätigkeit Videos für YouTube und wechselte im Laufe der Zeit seinen Fokus auf Live-Inhalte. „Suchmaschinenoptimierung ist ein kaltes Umfeld, du hast es nur mit Robotern zu tun. Sobald man mit Menschen arbeitet, kommen Emotionen ins Spiel – das ist sehr warm, man fühlt sich wieder menschlich.“

Geld durch Gaming

Die Finanzierungsmöglichkeiten im Live-Streaming-Sektor sind sehr unterschiedlich. Unabhängig von der Plattform nehmen viele Produzenten Spenden der Zuschauer an. Der Nutzer kann den Streamer durch eine Überweisung direkt unterstützen, ähnlich zu Straßenmusikern. Ergänzend bietet Twitch ein Partnerprogramm an, welches Streamer an Werbeeinnahmen beteiligt. Zusätzlich erhalten Nutzer die Möglichkeit, einen Kanal für einen monatlich festen Betrag zu abonnieren und auf diese Weise zu unterstützen. Der Kanalbetreiber stellt den Nutzern exklusive Chat-Emoticons zu Verfügung, welche nach Abschluss eines solchen Abonnements auf der gesamten Website verwendet werden können. Produktplatzierungen, Sponsoring, Merchandising und Affilitate Marketing sind auf Twitch ebenfalls verbreitet.

Im September 2016 schaffte Amazon die Möglichkeit ein bestehendes Prime-Abonnement ihres Dienstes mit einem Twitch-Account zu verknüpfen. Ohne zusätzlichen Geldaufwand erhält der Nutzer jeden Monat ein kostenloses Abonnement und eine kleine Auswahl von Videospielen. Für Streamer ist dies eine enorme Finanzspritze. „Twitch Prime war eine fette Gehaltserhöhung. In meinem Fall sind 60% meiner [insgesamt 530] Abonnenten durch Prime entstanden“, berichtet Alex. Sein Kollege „hc_diZee“, ebenfalls Produzent auf Twitch, teilt diese Einschätzung: „Twitch Prime hat mein Einkommen durch Abonnenten fast verdoppelt“.

„Diese Kultur der Unterstützung wurde auf Twitch etabliert und macht die Plattform einzigartig-„

Money talks! Geld ist oft der entscheidende Faktor für Medienproduzenten bei der Wahl einer passenden Plattform. Bereits 2015 hatte Twitch im Gaming-Sektor den größten Marktanteil nach Erträgen. Dieser Vorsprung entstand durch die erhöhte Zahlungsbereitschaft von Konsumenten und die aktive Teilhabe der Zuschauer an der direkten finanziellen Unterstützung von Produzenten. Das amerikanische Marktforschungsunternehmen SuperData ermittelte, dass amerikanische Nutzer in 2015 monatlich im Durchschnitt 21 US-Dollar für Abonnements bezahlten und Streamer ein Trinkgeld in Höhe von 4,64 US-Dollar zukommen ließen. Diese Kultur der Unterstützung wurde auf Twitch etabliert und macht die Plattform einzigartig.

Twitch bietet Nutzern ein Gefühl, welches manch andere Plattform vor Jahren verloren hat: den unmittelbaren Kontakt zu einer Persönlichkeit und die direkte Mitwirkung an ihren Inhalten. Statische Videos sind derzeit noch auf YouTube gut aufgehoben. Wer aber hingegen Live-Content produzieren oder konsumieren will, sollte mal Twitch ausprobieren.

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