Vocaloid – Stars ohne Körper

Vocaloid ist eine japanische Musiksubkultur. Die erfolgreichste Sängerin der Szene ist nicht aus Fleisch und Blut – sie ist ein virtueller Avatar. Trotzdem verehren die Fans sie voller Leidenschaft.

Die blauen Strahler werden gedimmt. Es wird dunkel im Raum. Als die ersten Töne angespielt werden, ist jedem im Konzertsaal klar, welches Lied die Sängerin anstimmen wird. Die Menge tobt. Ein Meer aus bunten Lichtstäben füllt den Saal. Die Musik im Konzertsaal wird immer schneller. Sie steigert sich. Lichter blitzen in verschiedenes Farben auf. Die Menge rastet aus. Die Live-Musiker geben alles. Das Toben der Menge wird lauter, vereint sich zu einem einzigen Ruf – und dann erscheint sie auf der Bühne. Im Saal herrscht eine euphorische Stimmung.

Die Sängerin mit den türkisfarbenen Haaren und dem niedlichen Gesicht ist ein gefeierter Superstar in Japan und das mit gerade einmal süßen sechzehn – seit neun Jahren. Über das Mädchen sind nur eine Handvoll Informationen bekannt. Ihr Name ist Hatsune Miku, was so viel bedeutet wie „der erste Klang aus der Zukunft“. Sie wiegt 42 Kilogramm, ist 1,58 Meter groß und hat eine zierliche Statur. Über 100.000 Lieder und mehr als 170.000 Videos sind unter ihrem Namen veröffentlicht worden, sie ging mit dem Weltstar Lady Gaga auf Tour und wurde von der Violinistin Lindsey Stirling gecovert. Dabei existiert die Sechzehnjährige eigentlich gar nicht. Hatsune Miku ist ein virtueller Popstar.

Virtuelle Stars aus Licht und Binärcodes

Hinter dem Konzept des singenden Avatars steht ein ausgefeiltes Marketingkonzept. 1998 entwickelte die Firma Yamaha Corporation eine Software, mit der man künstlichen Gesang erzeugen kann. Die Software wurde unter dem Namen Vocaloid weiterentwickelt. „Der Benutzer gibt Texte und Noten in die Software ein, somit wird eine authentisch klingende Gesangsspur erzeugt, ohne dass ein Mensch dazu singen müsste“, wie es aus dem Umfeld von Yamaha Corporation gegenüber der Autorin dieses Textes hieß. Heute steht der Begriff Vocaloid für alle Songs, die mit der Synthesizer-Software produziert werden und somit für eine eigene Subkultur. In Kooperation mit dem japanischen Medienunternehmen Crypton Future Media wurde die Idee geboren, ein Maskottchen für die Bekanntmachung des Programmes zu verwenden. Neben Hatsune Miku entstanden so ihre Vorgänger MEIKO und KAITO, ihre Nachfolger Kagamine Rin und Len, Megurine Luka, megpoid GUMI und viele weitere. Die Stimmdatenbanken werden in den Sprachen Japanisch, Englisch, Koreanisch, Spanisch und Chinesisch angeboten. Heute tauchen die bekanntesten Vocaloid-Figuren nicht nur in den japanischen Charts auf und geben Konzerte, sondern tummeln sich auch in zahlreichen Videospielen wie der Rhythmusspielreihe „Hatsune Miku: Project DIVA“. Nebenbei wirbt Hatsune Miku für Produkte von Weltkonzernen wie Google, Toyota und Family Mart.

Um den Vocaloids Leben auf der Bühne einzuhauchen, werden sie als dreidimensionale Abbildung auf Glaswände projiziert. Mit Tanz und Gesang begeistern sie ihre Fans.

„Vor einem Jahr hatte ich die Chance Hatsune Miku live in Amsterdam zu sehen“, erzählt Nekura, der Gründer der Website ProjectDIVA.de. Begeisterung schwingt in seiner Stimme. „Die Projektion war durchaus realistisch. Die Schirme, auf denen der Vocaloid abgebildet wurde, waren so ausgerichtet, dass die Figur von jeder Seite in 3D zu sehen war.“ Zusammen mit dem Let’s Player MicrossOne und der Ranking-Managerin und Co-Administratorin Yukine versorgt er deutsche Vocaloid-Fans mit den neusten News und dem Grundwissen über Hatsune Miku und ihre virtuellen Kollegen.

Die Fans sind Vocaloid

Allein die künstliche Stimme von den Charakteren ist es nicht, was die Vocaloid-Fans begeistert. Neben einem Charakterdesign bekommt jede Stimmdatenbank verschiedene Grundeigenschaften wie Alter, Gewicht und Größe. Der Rest wird den Fans überlassen. Sie schreiben die Liedtexte und komponieren die Musik mit der Vocaloid-Software. So kann jeder, der das Programm besitzt, nicht nur ein Fan sein, sondern selbst in die Rolle von Hatsune Miku schlüpfen. Dabei ist es egal, welches Musikgenre ausgewählt wird: Miku kann alles. 2010 erschien eine Erweiterung der Software Hatsune Miku mit sechs verschieden Stimmvariationen wie „SWEET“, Seufzer und Flüstern, „DARK“, ausgeglichene bis leicht melancholische Stimme, oder „SOFT“, eine sanfte und anmutige Stimme.

Zudem kann Hatsune Miku schneller und höher singen als jeder Mensch. Durch die Software „Miku Miku Dance“ programmieren die Fans selbst ausgedachte Choreographien und lassen den Popstar tanzen. Die Anwendung wurde ebenfalls von Fans geschaffen. Die Choreographien von bekannten Liedern werden von anderen Fans gelernt und nachgetanzt.

Ob Miku glücklich, verzweifelt oder einfach nur genervt ist, hängt ganz von der Kreativität und den Einfällen der Fans ab. So findet man die Sängerin in sämtlichen vorstellbaren Rollen wieder: Das verlassene Mädchen. Der quirlige Popstar. Die ermordete Prinzessin. Das überforderte Schulmädchen. Oder das hübsche Monster. Damit die Kreativität nicht versiegt, stellt Crypton Future Media eine eigene Plattform namens Piapro den sogenannten Creators zur Verfügung. Denn neben dem Vertrieb der Software vermarktet Crypton die besten Lieder der Fans auf iTunes und Amazon. Auf der Videoplattform Nico Nico Douga, dem japanischen YouTube, tummeln sich unzählige Vocaloid-Inhalte, die von Fans produziert wurden. Die Qualität der Beiträge deckt eine Bandbreite von gut bis schlecht ab. „Das Faszinierende an Vocaloid ist, dass die Figuren quasi leere Hüllen sind. Jeder kann individuell entscheiden, welche Eigenschaften der Charakter einnimmt. In jedem Lied entsteht ein einzigartiger Charakter. Es wird nie langweilig und man entdeckt immer Neues“, bringt MicrossOne es auf den Punkt: „Die Fans sind Vocaloid.“

Erfolgskonzept Hatsune Miku

Doch wie kann man so viel Leidenschaft entwickeln und so viel Energie in eine leblose Hülle investieren? „Ein wesentlicher Teil des Erfolges von Hatsune Miku liegt in dem Crossmedia Marketing von Figur und Software. Gerade weil Hatsune Miku ein eigenschaftsloser Avatar ist, kommt sie bei den Fans gut an. Sie ist eine perfekte Leinwand, um die eigenen Fantasien auf sie zu projizieren. Das Reale ist häufig etwas, das die eigene Fantasie eher eindämmt statt beflügelt. Die Fans können an der Erschaffung von Hatsune Miku teilhaben“, so Oliver Seibt, Professor für Musikethnologie und Musikwissenschaft.

Hatsune Miku kann keine Vorstellung von ihren Fans zerstören, zum Beispiel durch einen Skandal oder ein überraschendes Verhalten wie ihre menschliche Konkurrenz. Dem stimmt auch Björn-Ole Kamm, Senior Lecturer an der Graduate School of Letters an der Universität Kyoto, zu: „Hatsune Miku ist ein Kyara, also eine Figur ohne Hintergrundgeschichte und Persönlichkeit im Gegensatz zu einem Kyarakutā (von engl. character). Daher ist es leicht, sie in eigene Geschichten zu integrieren. Sie fällt in diese Kategorie und kann für die vielen Eigenkreationen der User verwendet werden.“ Um den Effekt zu verstärken stellte Crypton Future Media die Original-Illustration von Hatsune Miku unter einer Creative Commons-Lizenz kostenlos zur Verfügung. Fans können das Characterdesign nach Belieben verändern und erweitern, nur nicht für kommerzielle Zwecke nutzen. Die Stimme von Hatsune Miku bleibt jedoch urheberrechtlich geschützt.

Hatsune Miku © Illustration: KEI/Crypton Future Media, Inc
Hatsune Miku © Illustration: KEI/Crypton Future Media, Inc (Creative Commons)

Vocaloid weltweit

Auch vor Europa macht die Vocaloid-Welle keinen Halt. „Fast jeder, der sich für Anime interessiert, trifft früher oder später auf Vocaloid“, schildert Yukine von ProjectDIVA.de. Die animierte Sängerin ist im Mangabereich vertreten, hat mehrere Gastauftritte in Animes und einige Anime-Adaptionen wie Black Rock Shooter oder Mekakucity Actors. Auch in Deutschland sind die Fans kreativ. Neben Zeichnungen entstehen Cover und Übersetzungen der japanischen Lieder.

„Vocaloid wird vielleicht wegen des Neuigkeitswerts kurzfristig erfolgreich werden, ähnlich wie der koreanische Pop durch den Künstler Psy“, vermutet Seibt. „Weil der Reiz, den die ganze Vocaloid-Fankultur ausmacht, doch so ein hohes Engagement erfordert und die meisten Menschen nicht dazu bereit sein werden dieses aufzubringen, wird die Begeisterung eines größeren Publikumes wahrscheinlich schnell wieder abklingen.“ Ob Vocaloid den Sprung in die deutschen Charts schafft und eine breite Masse anspricht, wird die Zukunft zeigen. In den Herzen der Fans ist die virtuelle Sängerin jetzt schon fest verankert.

Ein Feature von Judica Sauer

Sicherheitshinweis: Bei den Calwer Notizen handelt es sich um ein studentisches Weblog. Falls Ihnen Fehler oder Verstöße auffallen, setzen Sie sich zwecks Behebung bitte mit uns in Verbindung.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*