Vom Studium auf den roten Teppich

Viele junge Menschen träumen von der Selbstständigkeit. Drei Masterstudenten aus Darmstadt haben es geschafft und nicht nur das. Mittlerweile haben sie sich auch mit dem Dreh eines postapokalyptischen Westerns in der Antarktis einen Namen gemacht.

Der Schein trügt. Was soll sich schon in einem weitläufigen Innenhof mitten in Darmstadt Großartiges befinden, direkt neben Sperrmüll und Abfallcontainern? Es ist der Eingang in das Reich von Tag & Nacht Media, einer jungen Medienproduktionsfirma, gegründet von den ehemaligen Masterstudenten Christian Stadach, Stephan Zimmermann und Thomas Meudt.

Mitte 2013, direkt nach ihrem Studium in „Media-Direction“, haben sie Tag & Nacht Media ins Leben gerufen, um den als Masterprojekt begonnenen, postapokalyptischen Western „MEM“ zu verwirklichen. Stephan Zimmermann schaut selbstkritisch zurück und beschreibt die Unternehmensgründung nach dem Studium als etwas blauäugig, zumal man gleich eine Auftragslage bräuchte, um sich zu finanzieren.

„Nach dem Studium hatten wir Schulden, aber dafür ein geiles Abschlussprojekt und Räumlichkeiten, in denen wir jederzeit alles machen konnten“, so Thomas Meudt.

Die drei Jungs haben Glück: Nach drei Monaten kann schon die Miete gezahlt werden und das Unternehmen wächst gesund weiter. „Die ersten Meetings haben wir in der Küche gemacht“, erinnert sich Zimmermann. Mittlerweile sind neue Räumlichkeiten angemietet, da nicht nur die Medienfirma, sondern auch deren Kunden namhafter werden. Dazu gehören z. B. die LSG Lufthansa Service Holding AG, Sony Music und ZDF Enterprises. Hinzu kommen einige Bestandskunden. Das Unternehmen schafft es, sich innerhalb von drei Jahren durch Weiterempfehlungen und zahlreiche Kontakten ohne große Marketingkosten im Medienmarkt zu etablieren. Jetzt können sie Aufträge sogar gezielt auswählen.

Freunde und Kollegen: Thomas Meudt (l.) und Stephan Zimmermann (r.). Foto: Jan Marx
Freunde und Kollegen: Thomas Meudt (l.) und Stephan Zimmermann (r.). Foto: Jan Marx

Der Traum, gemeinsam mit Freunden die Leidenschaft zum Beruf zu machen, ist offensichtlich keine Wunschvorstellung, sondern kann tatsächlich Wirklichkeit werden: eigene Stärken ausspielen, sein eigenes Ding machen, ganz losgelöst von vorgegebenen Arbeitszeiten und nervenden Chefs. Mit dem eigenen Team eigene Projekte verwirklichen, bei denen man mit Herzblut dabei ist sowie eine enge Kundenbetreuung und große Flexibilität – das sind die Stärken eines eigenen Unternehmens wie Tag & Nacht Media.

Profilieren kann sich die junge Firma auch durch ein außergewöhnlich breites Angebot. Von Werbefilmen über Sounddesign, Animationen und CI-Konzepten bietet die Medienproduktionsfirma eine mediale Rundumbetreuung. Dass sie eine Dienstleistung anders anbieten als andere, sei der Schlüssel zum Erfolg, meint Meudt. Abspracheprobleme gäbe es bei Tag & Nacht Media nicht. „Wir wissen, wie es am Ende aussehen soll und wie wir es dementsprechend filmen müssen. Wir machen das alles selbst und dadurch können viele Fehler von Anfang an ausgeschlossen werden. Wir können genauer planen, da wir es ja selbst umsetzen und die Probleme vor Ort kennen. Das ist unser Riesenvorteil“, erklärt der Jungunternehmer.

„MEM“ als Sprungbrett

Wichtig für den Erfolg war das Masterprojekt „MEM“. Durch den Dreh eines postapokalyptischen Westerns in der Antarktis kann das Team bei potentiellen Auftraggebern punkten und anfänglich fehlende Rezessionen ausgleichen. Meudt behauptet, wenn sie so einen Western produzieren könnten, würden sie wohl auch einen Imagefilm zustande bringen. Die besten Ideen würden ohnehin oft spontan entstehen, unrealistisch erscheinen und mitunter belächelt. Generell gelte jedoch das Sprichwort: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Foto: Jan Marx
Foto: Jan Marx

Während des Studiums kommt Christian Stadach, der schon bei der Postproduktion des Serienhits „Game of Thrones“ mitwirkte, mit dem Wagnis des Westerns im Kopf auf seine zwei Kommilitonen zu. „Wir haben direkt gedacht: Total verrückt, da wollen wir dabei sein!“ Zu Beginn noch als Film geplant, entwickelt sich das Projekt zur Webserie mit drei je sechs- bis neunminütigen Folgen. Gehört die erste Folge noch zum Masterabschluss der drei Kollegen, entstehen die zwei weiteren Folgen außerhalb des Studiums. Der Grund für die Aufteilung in mehrere Episoden ist, dass so eine höhere Qualität gewährleistet werden kann und ein gestaffelter Release größere Möglichkeiten für das Marketing bietet. Auch die Finanzierung wird durch eine Aufteilung vereinfacht. Neben der Einbringung ihres Privatvermögens schaffen es Stadach, Zimmermann und Meudt durch eine Crowdfunding-Kampagne über Startnext mehr als 5.000 Euro zu sammeln. Am 12.12.2014 erscheint die erste Folge auf Youtube, die Planung begann jedoch schon Anfang 2013.

Die Ausgangssituation von „MEM“ ist, dass beinahe die gesamte Menschheit ausgelöscht wurde. Leben ist nur noch in der Antarktis möglich. Die Umweltbedingungen sind hart. Mit einem ähnlich düsteren Szenario wie bei „The Walking Dead“ liegt „MEM“ mit seiner postapokalyptischen Thematik voll im Trend, siedelt sich jedoch zeitlich einige hundert Jahre nach dem Zusammenbruch der Gesellschaft an.

Der Name „MEM“ bedeutet die Weitergabe und Kommunikation eines Bewusstseinsinhalts, was wiederum zur soziokulturellen Evolution beiträgt. Gewählt wird der Titel, da die Menschen in einer Postapokalypse stark von Wissen und Wissensweitergabe abhängig sind. Sowohl der Titel als auch die ungewöhnliche Kombination des Westernsettings mit den Gegebenheiten der Antarktis machen vor allem eins: Neugierde wecken.

Horrorszenarien als Motivationshilfe

Auf die Frage, ob sie jemals an der Verwirklichung und dem Erfolg des Projektes gezweifelt haben, antwortet Meudt ironisch: „So etwas wie Zweifel oder Zukunftsängste hatten wir niemals im Leben“. Und sein Kollege Zimmermann ergänzt, wenn sie eins könnten, dann sich Horrorszenarien auszumalen. Doch dies sei gut, denn es sporne einen auch an, man habe es ja selbst in der Hand.

Zeitdruck und begrenzte Mittel zwingen zur Kreativität. Die Antarktis muss nach Darmstadt geholt werden, doch wie? – Mit ganz viel Greenscreen und einer alten Papierfabrik als Drehort. Um ernst genommen zu werden und eine passende Atmosphäre zu erzeugen, werden keine Mühen gescheut. Sogar ein lebendiger Wolf ist beim Dreh dabei. Es wird auf eine durchgehend hohe Qualität geachtet. Bloß nicht wie ein typischer Studentenfilm wirken, das ist dem Produzententeam am wichtigsten.

Foto: Jan Marx
Foto: Jan Marx

Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Neben einem guten Abschluss bringt „MEM“ auch internationale Anerkennung in der Welt der Webserien ein. So läuft „MEM“ 2015 beispielsweise auf dem Webfest in Berlin. Beim „Seattle Web Fest“ gewinnt der Dreiteiler den Preis für die beste Musik. Im August dieses Jahres wird „MEM“ sogar in Korea laufen. Erfreut sind die Produzenten auch, dass es „MEM“ seit Mai 2016 bei dem Video-on-Demand Anbieter Amazon Prime zu sehen gibt. „Wir wissen nicht genau, wie das kam. Unser Vertrieb Daredo hat das in die Wege geleitet und jetzt sind wir drin“, berichtet Meudt.

Laut Goldmedia wird Amazon Prime 2016 von 22 Prozent befragter Personen über 14 Jahren genutzt. Netflix (elf Prozent) und Sky (neun Prozent) liegen deutlich zurück. Die Kundenrezessionen zur Webserie auf Amazon Prime sind überwiegend positiv. Zimmermann merkt an, dass dies nicht unbedingt zu erwarten war. Die Reaktionen auf das Projekt an sich seien zwar immer sehr positiv gewesen, was aber nicht bedeute, dass das Resultat ebenso gut ankomme.

Neuauflage geplant

Länger, besser, kostspieliger – so soll sie werden, die Neuauflage von „MEM“. Das Pilotprojekt ist positiv verlaufen und man glaubt an ein großes Potential des Szenarios. Kritikpunkte, wie eine verwirrende Handlung oder zu kurze Laufzeit, sollen mit der Neuauflage des Antarktis-Westerns ausgemerzt werden. Tag & Nacht Media arbeitet momentan eifrig am neuen Drehbuch und hofft auf Fördergelder und Investoren. Ein potentielles Startdatum der Staffel steht jedoch noch in den Sternen.

Tag & Nacht Media Außenbanner. Foto: Jan Marx
Tag & Nacht Media Außenbanner. Foto: Jan Marx

Insgesamt sieht das Team von Tag & Nacht Media positiv der Zukunft entgegen. „Wenn das Ganze so weiter geht, dann sind wir in ein paar Jahren da, wo es richtig Spaß macht. Dass wir ‚MEM‘ mit einer längeren Spielzeit produzieren können, wäre natürlich der Traum schlechthin“, so Meudt auf die Frage, ob sie ihren Traumberuf bereits erreicht hätten. Wie es in fünf Jahren aussieht, wisse man nicht genau, doch der Weg sei das Ziel, ergänzt Zimmermann. Fest steht: Ohne die Idee zu „MEM“ wäre Tag & Nacht Media vermutlich nie gegründet worden.

Ihre Freundschaft sehen die Produzenten auch in Zukunft nicht in Gefahr. Kommt es zu Meinungsverschiedenheiten, wird darüber gesprochen. Das hilft. Müssen Entscheidungen getroffen werden, bietet sich bei drei Personen eine klassische Mehrheitsabstimmung an.

„Es ist noch keiner heulend rausgerannt“, behauptet Zimmermann.

Während des Studiums viel auszuprobieren und Kontakte zu knüpfen, sich nicht unterkriegen zu lassen, eigene Projekte zu starten und größer zu denken als man ist, das ist der Tipp der ehemaligen Studenten. Das eine hätte das andere ergeben. Nicht auszudenken, was man missen würde, hätten sich Christian Stadach, Stephan Zimmermann und Thomas Meudt nie zusammengetan.

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