Wer erklärt uns jetzt die Welt?

Ein Nachruf auf Peter Lustig: Fast dreißig Jahre lang weckte der Tüftler in Latzhose und Nickelbrille jeden Sonntag unsere Neugierde und den Wunsch nach einem Leben im Bauwagen.

Sonntagmorgen in unserer Kindheit: Mit verschlafenen Augen schauen wir gespannt auf den kleinen Fernseher, der vor uns im Schrank steht. Wir sehen eine Straße, unter der sich eine Wölbung bildet. Sie wächst und wächst und hinterlässt Risse im Teer. Das einheitlich braune Farbbild wird durch einen grünen Stängel durchbrochen, der sich seinen Weg in die Freiheit erkämpft. Er entfaltet seine zackigen Blätter und bringt eine gelb leuchtende Blüte zum Vorschein. Löwenzahn, wie Peter Lustig uns sagt. Die Kamera zoomt raus, es folgen weitere Löwenzahnblumen, die in Kürze die Straße bedecken. Dann verrät uns Peter Lustig endlich das Thema.

Von 1979 bis 2005 war der am 27. Oktober 1937 in Breslau geborene Peter Fritz Willi Lustig Moderator und Hauptdarsteller der Kultkindersendung Löwenzahn. Er erklärte Kindern Themen in den Bereichen Technik, Umwelt und Natur. Sein Talent wurde zufällig durch den Gag eines Regisseurs während der Produktion von „Pusteblume“ entdeckt. Dieser ließ ein Ei auf dessen Glatze fallen und Lustig kommentierte dies mit „Fernsehen ist scheiße“. Peter Lustig, Rundfunkmechaniker und Elektroingenieur, wechselte als damaliger Tonmeister auf die andere Seite der Kamera.

1980 wurde die Sendung „Pusteblume“ aus Titelschutzgründen in „Löwenzahn“ umbenannt. Ein Vierteljahrhundert saßen sowohl Kinder als auch Erwachsene erwartungsvoll vor dem Fernseher und lauschten der sanften und ruhigen Stimme von Lustig. Anfangs wusste man noch nicht, ob Löwenzahn erfolgreich sein wird. Erst nach drei Jahren wurde der Erfolg sichtbar. Peter Lustig war der innere Motor der Sendung und hielt sie zusammen. Nebenbei moderierte er von 1993 bis 1997 die Fernsehreihe „mittendrin“ und war 1998 Sprecher der Fernsehreihe „Raumschiff Erde“ im Kinderkanal.

Arend Agthe, langjähriger Regisseur und Drehbuchautor von Löwenzahn, schätzte die kollegiale und gute Zusammenarbeit mit Peter Lustig sehr. „Ich fand ihn wahnsinnig konstruktiv und irre erfindungsreich. Er war spontan und hat immer eine praktische Lösung gefunden, wenn in einer Szene der Wurm drin war. Peter Lustig war kein Schauspieler, sondern die Figur als Ganzes, als Mitdenker und Mitentwickler. Aufgrund dessen hat er es sich auch nicht nehmen lassen in das Team einzugreifen. Mit konstruktiven Verbesserungsvorschlägen hat er sich immer positiv eingemischt. Auch wenn ihm ein Drehbuch zu hölzern klang, hat er es auf seine Weise gesprochen und das hat dann auch immer gestimmt. Er hatte da eine schlafwandlerische Sicherheit. Er war ein Alleskönner und so vielseitig interessiert. Peter hatte keine Scheu Fehler zu machen und hat gesprochen, wie ihm der Schnabel gewachsen war.“

Manchmal sagte Lustig aus dem Nichts heraus: „Das würde Peter Lustig nicht machen. Da muss ich die Figur verteidigen.“ Seine Änderungen wurden dann auch umgesetzt, denn er hatte, laut Arend Agthe, redaktionell ein fast unangefochtenes Hoheitsrecht über seine Figur. „Er fühlte sich immer identisch mit seiner Rolle statt sie nur zu spielen“, empfand Arend Agthe. Bei der Gestaltung des Bauwagens war Lustig aktiv beteiligt und brachte die Ukulele Klaus-Dieter als Ideengeber mit rein.

Im Jahr 1984 erkrankte Peter Lustig an Lungenkrebs. Ein halbes Jahr nach den Operationen war Lustig mit nur einem Lungenflügel wieder am Set. Arend Agthe bewunderte ihn für seine Disziplin und Tapferkeit. Er rauchte weiterhin und arbeitete oft mit ärztlicher Begleitung. Der ZDF-Kurzdokumentation „Peter Lustig – Ein Leben voller Neugier“ zufolge, hatte Peter Lustig keine hektische Persönlichkeit, sondern charakterisierte sich durch Besonnenheit und mit einer Liebe zum Detail.

Helmut Krauss alias Herr Paschulke, Peter Lustigs Nachbar in Löwenzahn, schätzte vor allem seine Ruhe, Bedächtigkeit und Präzision an ihm und empfand jede Löwenzahnproduktion als etwas Besonderes. Auch im realen Leben waren die beiden Nachbarn in ihrem Auslandsdomizil auf Mallorca.

Peter Lustigs besondere Fähigkeit war, komplizierte Sachverhalte vereinfacht und verständlich darzustellen. Er schrieb viele Drehbücher selbst. Das Besondere dabei war seine eigene Neugierde und Freude an dem Experiment. Peter Lustig nahm dadurch nicht nur die Position des Erklärenden ein, sondern wollte selbst wissen, wie die Dinge funktionieren. „Bei der Vermittlung des Wissens ging es ihm in erster Linie nicht um sich, sondern um den Inhalt, den er vermitteln wollte“, betont Arend Agthe. Mit der Mischung aus Flapsigkeit und unterschwelligem Witz moderierte er sich direkt in das Herz seiner Zuschauer. Arend Agthe erinnert sich: „Als Lustig bemerkte, wie er wirkte, hat er noch motivierter weitergemacht und über die Jahre wurde die Sendung immer reichhaltiger. Dabei war immer Neugierde sein Antrieb und die Themen deckten sich mit seinen privaten Interessen. Als der Peter Lustig im Bauwagen hat er sich wohlgefühlt und gefunden. “ „Es war sein Traumberuf, weil er das machen konnte, was ihm am meisten Spaß machte: Tüfteln, experimentieren und ausprobieren. Und das Beste daran war, dass die Kinder Spaß daran hatten, ihm dabei zuzusehen“, sagt Margrit Lenssen, stoffführende Redakteurin beim ZDF.

Lustig begegnete den Kindern auf Augenhöhe. Er hatte wie Charlie Chaplin einen inneren kindlichen Eigensinn und ist dadurch als Erwachsener Kind geblieben. Margrit Lenssen beschreibt Peter Lustig folgendermaßen: „Autoritäten imponierten ihm nicht und unsinnige Verbote hinterfragte er neugierig.“ In einem Interview sagte Peter Lustig: „Ich glaube die Kinder merken einfach, dass ich ihnen nichts vormachen will und dass ich selber so viel Spaß daran habe.“ Arend Agthe äußert sich zu dem Vorwurf er sei ein Kinderhasser wie folgt: „Der Vorwurf, dass er Kinder nicht mochte, hat ihn sehr getroffen und bis zu seinem Tod begleitet.“

Aus Sicht von Arend Agthe erwarb Peter Lustig seine Stärke aus dem Zugang zu seinem inneren Kind und wohl auch durch die prägenden Szenen, die er in der Nachkriegszeit erlebt hatte. Peter Lustig war noch ein Kind, als er zusammen mit seiner Mutter von Schlesien nach Berlin zu Fuß flüchten musste. Trotz allem besaß er eine starke innere Kraft, die seinen wahl-nordfriesischen Humor sein Leben lang aufrechterhielt. Lustig war Mitglied der Baghwan-Bewegung. Er liebte das freie, offene Denken und ist sehr gerne gereist.

Sascha Stiehler, Gründer des Löwenzahnfanclubs, beschreibt Peter Lustig folgendermaßen: „Er war einfach er selbst und hat mich so behandelt, als ob ich zur Familie gehöre. Er spielte immer seine Berühmtheit herunter, aber fand es schön, erkannt zu werden. Sein eigenes Idol war sein Großvater.“

„In seinem eigenen Haus malte und bastelte er die skurrilsten Erfindungen“, erinnert sich Arend Agthe. Laut der ZDF-Kurzdokumentation beschäftigte sich Lustig zwar mit Umweltthemen, wollte jedoch nicht als Grüner oder Öko bezeichnet werden. Er mochte gutes Essen und Rotwein sowie ein gewisses Maß an Luxus. Des Weiteren las er sehr gerne, vor allem Sachbücher im Bereich Physik.

Im Jahr 2005, nach fast dreißig Jahren unstillbarer Neugier und Forschungsdrang, verließ Peter Lustig Löwenzahn aus gesundheitlichen Gründen. 25 Jahre lang war er der Hauptdarsteller von Löwenzahn und zwei Jahre von Pusteblume. An seinem 70. Geburtstag drehte das ZDF eine letzte Folge mit ihm und seinem Nachfolger Guido Hammesfahr alias Fritz Fuchs.

Seine Arbeit wurde auch von der Wissenschaft mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt. 2001 überreichte ihm die Deutsche Physikalische Gesellschaft die Medaille für naturwissenschaftliche Publizistik. Für seinen Beitrag zur Allgemeinbildung erhielt er 2007 vom Bundespräsidenten Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz.

Arend Agthe: „Peter Lustig war ein Unikum, den es jetzt ja leider nicht mehr gibt. Er war jemand, der etwas Besonderes konnte und etwas Besonderes geschaffen hat.“ Zu der Frage, ob Peter Lustig eine Botschaft hinterlasse würde, meint er: „Peter ist keiner, der eine Botschaft hinterlassen würde. Bloß keine Botschaft, immer konkret bleiben. Was er hinterlassen wollte, war das Prinzip Peter Lustig. Sei neugierig im Leben, hinterfrage die Dinge und lass dich nicht durch Misserfolge davon abbringen.“

Wer erklärt uns jetzt die Welt? Die Antwort ist einfach. Peter Lustig hat uns in Löwenzahn alles gezeigt und vorgelebt. Er hat – wie eine Pusteblume ihre Schirmchen – seine Idee des offenen, kritischen Denkens und die unstillbare Neugier in unseren Gedächtnissen verankert. Wir müssen diese nur nutzen und aktivieren.

Am 23. Februar 2016 starb Peter Lustig im Alter von 78 Jahren in Bohmstedt, in der Nähe von Husum. Der Tüftler in Latzhose und Nickelbrille aus dem Bauwagen im Elchwinkel grüßte zum Abschied immer „Ihr seid ja immer noch da – abschalten! Klingt komisch is‘ aber so.“

Bilder in der Fotogalerie © ZDF/Christiane Pausch bzw. Michael Schuff (Nutzung mit Genehmigung des ZDF)

Ein Nachruf von Jasmine Löttker (MUK0515)

P.S. So nahm Otto Waalkes Abschied von Peter Lustig:

Jasmine_Loettker

Jasmine Löttker studiert seit Mai 2015 Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH Hochschule für Wirschaft und Medien Calw.

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Jasmine Löttker studiert seit Mai 2015 Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH Hochschule für Wirschaft und Medien Calw.

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